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Full text of "Ueber unsere gegenwärtige Kenntniss vom Ursprung des Menschen: Vortrag gehalten auf dem vierten ..."

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lieber unsere 



gegenwärtige Kenntniss 



vom 



Ursprung des Menschen. 



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Vortrag" 

gehalten 

auf dem Vierten Internationalen Zoologen-Congress in Cambridge, 

am 26. August 1898 

I 

Ernst Haeckel 

(Jena). 



Mit erläuternden Anmerkungen und Tabellen. 



Vierte bis siebente Auflage. 




Bonn, 

Verlag von Emil Strauss. 

1899. 



„Die Frage aller Fragen für die Menschheit — 
das Problem, welches allen übrigen zu Grunde liegt, 
und welches tiefer interessirt als irgend ein anderes — 
ist die Bestimmung der Stellung, welche der Mensch in 
der Natur einnimmt, und seiner Beziehungen zu der Ge- 
sammtheit der Dinge. Woher unser Stamm gekommen 
ist, welches die Grenzen unserer Gewalt über die Natur 
und der Natur Gewalt über uns sind, auf welches 
Ziel wir hinstreben: das sind die Probleme, welche 
sich von Neuem und mit unvermindertem Interesse 
jedem zur Welt geborenen Menschen darbieten." 

Thomas Hüxlby (1863). 



Vorwort. 



Im Frühjahr 1898 erhielt ich die Einladung, auf dem vierten 
internationalen Zoologen- Congreas, welcher vom 22. bis 27. August 
in Cambridge tagte, einen Vortrag zu halten. Dabei wurde von 
mehreren Seiten der Wunsch ausgesprochen, ich möchte für diesen 
Vortrag eine der grossen allgemeinen Fragen wählen, welche gegen- 
wärtig unsere moderne, in so herrlichem Aufblühen begriflfene 
Zoologie bewegen, und sie mit anderen, entfernter liegenden Wissen- 
schaften in nahe Beziehung bringen. Unter diesen Fragen ist keine 
von grösserem allgemeinen Interesse und von höherer philosophischer 
Bedeutung als die Frage vom Ursprung des Menschen, diese ge- 
waltige „Frage aller Fragen". 

Durchdrungen von dieser Ueberzeugung und von der Ansicht, 
dass nur die wissenschaftliche Zoologie — im weitesten 
Sinne des BegriflFes — zur definitiven Lösung dieser Hauptfrage 
berufen ist, glaubte ich, mich jener Einladung nicht entziehen zu 
dürfen, und beschloss nach einigen Bedenken, diese Gelegenheit zu 
einer kritischen Beleuchtung des gegenwärtigen Zu- 
stand es unserer Kenntnisse vom Ursprung des Menschen zu be- 
nutzen. Mein Vortrag (am 26. August in Cambridge gehalten) 
wurde von dem stark besuchten Congresse mit reichem Beifall be- 
grüsst; entgegengesetzte Anschauungen, zu deren Aeusserung meine 
Darstellung vielfach Veranlassung gab, und welche man von mehreren 
Seiten erwartet hatte, wurden nicht laut. Die einzige abweichende 
Ansicht, die geäussert wurde, bezog sich auf die hypothetische Zahl 
der Jahrmillionen, welche in der Erdgeschichte seit Beginn des 
organischen Lebens verflossen sind (vgl. Anmerkung 20). Dagegen 
hatte ich die erfreuliche Genugthuung, dass mehrere von den an- 
gesehensten anwesenden Zoologen, Anatomen und Paläontologen 
ihre volle Zustimmung zu meinem Vortrage kundgaben, und dass 
auch andere auf dem Congresse gehaltene Vorträge (insbesondere 

derjenige über den Ursprung der Säugethiere, am 25. August) sich 

1* 



- 4 — 

in denselben Gedankengängen bewegten. Ich darf also wohl an- 
nehmen, dass diese Darstellung nicht nur der Ausdruck meiner 
eigenen festen Ueberzeugung ist, sondern auch derjenigen der zahl- 
reichen, aus allen Culturstaaten versammelten Naturforscher, welche 
demselben beiwohnten ; wenn nicht aller, so doch der überwiegenden 
Mehrheit! 

Vierzig Jahre sind jetzt verflossen, seitdem Charles Darwin 
die ersten Mittheilungen über seine epochemachende Theorie ver- 
öfifentlichte. Vierzig Jahre Darwinismus! Welcher un- 
geheure Fortschri.tt unserer Natur-Erkenntniss! 
Und welcher Umschwung unserer wichtigsten Anschauungen, nicht 
allein in den nächstbetroffenen Gebieten der gesammten Biologie, 
sondern auch in demjenigen der Anthropologie und ebenso 
aller sogenannten „Geisteswissenschaften"! Denn mit der 
wahren Erkenntniss des menschlichen Ursprungs ist auch die 
feste Grundlage einer physiologischen Erkenntniss - Theorie ge- 
wonnen und somit ein unerschütterliches Fundament der natur- 
gemässen Psychologie und der monistischen Philosophie. 
Um die erstaunliche Tragweite dieses grössten wissenschaftlichen 
Fortschrittes zu begreifen, muss man zurückschauen auf seine ver- 
schiedenen Phasen in den letzten vier Decennien. Im ersten Decen- 
nium fast allgemeiner Widerstand gegen die neue Lehre, welche die 
ganze bisherige Weltanschauung auf den Kopf zu stellen schien; im 
zweiten Jahrzehnt heftigster Kampf mit unentschiedenen Erfolgen; 
im dritten Decennium fortschreitender Sieg des Darwinismus auf 
allen Gebieten der Biologie; im vierten Jahrzehnt endlich all- 
gemeine Anerkennung von Seiten aller competenten Naturforscher. 
Wir dürfen jetzt am Schlüsse unseres Jahrhunderts sagen, dass der 
Darwinismus und die durch ihn begründete moderne Entwicklungs- 
lehre neben dem Substanz-Gesetze und neben der Zellen-Theorie zu 
seinen glänzendsten Erzeugnissen gehört. 

Die erste Veröffentlichung meiner in Cambridge (in englischer 
Sprache) gehaltenen Rede erfolgte im November-Heft der „Deutschen 
Rundschau". Der vorliegende Abdruck ist durch Zusätze beträcht- 
lich erweitert und ausserdem mit einer Anzahl von erläuternden 
Tabellen und Anmerkungen versehen. Möge er seinen Zweck er- 
füllen und auch in weiteren gebildeten Kreisen die Ueberzeugung 
der positiven Sicherheit erwecken, mit welcher wir gegen- 
wärtig den Ursprung des Menschen aus einer Reihe von Primaten 
für wissenschaftlich bewiesen ansehen. 

Jena, 10. November 1898. 

Ernst Haeckel. 



Am Schlüsse des neunzehnten Jahrhunderts blicken wir mit ge- 
rechtem Stolz auf die gewaltigen und unvergleichlichen Fort- 
schritte, welche menschliche Wissenschaft und Cultur während seines 
Verlaufes gemacht haben — allen anderen voran die Natur- 
wissenschaft. Diese Thatsache findet ihren charakteristischen 
Ausdruck darin, dass schon jetzt in vielen Schriften unser Jahr- 
hundert als „das grosse" bezeichnet wird oder als das „Zeitalter 
der Naturwissenschaft". Jede einzelne Wissenschaft, welche. sich 
mit der Erkenntniss und Geschichte der- Natur beschäftigt, erhebt 
für sich selbst den Anspruch, die grössten Fortschritte aufzuweisen 
und den anderen voraus zu sein, und jede einzelne kann dafür gute 
Gründe anführen. Ein unparteiischer und unbefangener Philosoph 
aber, welcher vergleichend das ganze weite Gebiet überschaut, wird 
vor allen anderen den ersten Siegespreis unserer Zoologie er- 
theilen müssen; denn aus ihrem Schoosse ist der Transformismus 
oder die Descendenz-Theorie geboren, jener gewaltige Hauptzweig 
der Entwicklungslehre, für welchen Jean Lamarck 1809 den ersten 
Grund gelegt, und welchen fünfzig Jahre später Charles Dabwin 
zur allgemeinen Anerkennung gefiihrt hat. 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, Ihnen hier nochmals die 
fundamentale Bedeutung und den unschätzbaren Werth der De- 
scendenz-Theorie vorzuführen. Denn unsere ganze biologische 
Wissenschaft ist heute von ihr durchdrungen. Keine grosse und 
allgemeine Frage kann in Zoologie und Botanik, in Anatomie und 
Physiologie erörtert und gelöst werden, ohne dass die Vorfrage nach 
der Entstehung des Objectes, nach dem „Werden des Gewor- 
denen" vor Allem sich aufdrängt. Diese Vorfrage fehlte aber fast 
überall , als Charles Darwin , der grosse Reformator der Biologie, 
vor siebzig Jahren seine akademischen Studien hier jn Cambridge 
begann, und zwar als Theologe. Das geschah in jenem denk- 
würdigen Jahre 1828, als in Deutschland Carl Ernst von Baer 
seine classische „Entwicklungsgeschichte der Thiere" veröffentlichte, 
den ersten erfolgreichen Versuch, die Entstehung des individuellen 



— 6 — 

Thierkörpers durch „Beobachtung und Reflexion" aufzuklären und 
die „Geschichte der wachsenden Individualität in jeglicher Beziehung" 
vom einfachsten Keime bis zur vollendeten Reife durchzufuhren. 
Dabwin wusste damals von diesem gewaltigen Fortschritte nichts, 
und er konnte nicht ahnen, dass diese Keimesgeschichte, die Em- 
bryologie oder Ontogenie, vierzig Jahre später zum wichtigsten 
Fundamente seiner eigenen Lebensaufgabe werden würde, zur 
sichersten Stütze jener Abstammungslehre, welche von Lamabck im 
Geburtsjahre Dabwin's begründet und welche damals von seinem 
Grossvater, Ebasmüs Dabwin , mit lebhaftem Beifall aufgenommen 
worden war. (Vergl. Anm. 6.) 

Unter allen Naturforschern des neunzehnten Jahrhunderts hat 
Charles Dabwin unzweifelhaft den grössten Erfolg gehabt und die 
tiefste Wirkung ausgeübt, wir bezeichnen ja die letzten vierzig Jahre 
oft schlechtweg als „das Zeitalter Darwin' s". Wenn wir aber 
die Ursachen dieses beispiellosen Erfolges näher untersuchen, so 
müssen wir, wie ich schon wiederholt betont habe, drei grosse Ver- 
dienste wohl unterscheiden: 1. die totale Reform der Descendenz- 
Theorie, des Lamarekismus und ihre feste Begründung durch 
die zahlreichen inzwischen erworbenen Kenntnisse der modernen 
Biologie; 2. die Begründung der neuen Selections-Theorie, des 
eigentlichen Darwinismus; und 3. die Ausführung der Anthro- 
pogenie, jener wichtigsten Folgerung der Abstammungslehre, 
die alle anderen Probleme der Entwicklungslehre an Bedeutung 
weit übertriflFt. 

Nur über dieses dritte und letzte Verdienst Dabwin's, über die 
Aufklärung der Abstammung des Menschen, möchte ich heute vor 
diesem Zoologen-Congresse einen kurzen Bericht erstatten, und zwar 
in dem Sinne, dass ich kritisch die Sicherheit prüfe, zu welcher 
gegenwärtig unser Wissen vom Ursprung des Menschen und von 
den verschiedenen Stufen seines animalen Stammbaums gelangt ist. 
Dass es sich hier um die wichtigste von allen wissenschaftlichen 
Fragen handelt, wird heute von keiner Seite mehr bestritten. Denn 
alle anderen Probleme, welche der menschliche Geist icrforschen 
und erkennen kann, sind ja schliesslich durch die psychologische 
Erkenntniss-Theorie bedingt und diese wiederum durch die 
Frage vom animalen Wesen des Menschen, von seinem Ursprung, 
seiner Entwicklung und seiner Geistesthätigkeit. Mit vollem Rechte 
konnte daher« der grösste englische Zoologe unsers Jahrhunderts, 
Thomas Huxlby, dieses Problem als „die Frage aller Fragen 
für die Menschheit" bezeichnen, als „das Problem, welches allen 
übrigen Problemen zu Grunde liegt, und welches tiefer interessirt 
als irgend ein anderes". Das geschah 1863 in jenen meisterhaften 



— 7 — 

drei Abhandlungen, welche die „Zeugnisse für die Stellung 
des Menschen in der Natur" im Lichte der ÜABWiN'schen 
Lehre zum ersten Male eingehend prüften; die erste behandelt die 
Naturgeschichte der menschenähnlichen Affen, die zweite die Be- 
ziehungen des Menschen zu den nächst niederen Thieren, die dritte 
einige fossile menschliche Ueberreste. Dabwin selbst hatte 1859 in 
seinem Hauptwerke „üeber den Ursprung der Arten" diese wich- 
tigste Consequenz seiner Lehren absichtlich nur flüchtig gestreift 
in dem kurzen, bedeutungsvollen Hinweise, dass dadurch auch Licht 
auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte geworfen 
werden würde. Später (1871) hat Dabwin in seinem berühmten 
Werke über „Die Abstammung des Menschen und die geschlecht- 
liche Zuchtwahl" sowohl die morphologischen und historischen, als 
auch die physiologischen und psychologischen Seiten des Problems 
eingehend in geistreichster Weise gefördert. 

Ich selbst hatte bereits 1866 in meiner Generellen Morpho- 
logie „die Entwicklungsgeschichte der Organismen in ihrer Be- 
deutung für die Anthropologie" verwerthet und besonders darauf 
hingewiesen, dass auch für den Menschen das biogenetische Grund- 
gesetz Geltung hat; bei ihm, wie bei allen anderen Organismen 
besteht der innigste, auf progressive Vererbung begründete Causal- 
Zusammenhang zwischen Ontogenie und Phylogenie, zwischen der 
Keimesgeschichte des Individuums und der Stammes- 
geschichte seiner Ahnen- Reihe. In dieser letzteren unterschied 
ich damals zehn verschiedene Hauptstufen innerhalb des Wirbelthier- 
Stammes. Das Hauptgewicht aber legte ich auf die logische 
Verknüpfung der Anthropogenie mit dem Transformismus; wenn 
der letztere wahr ist, hat er auch absolute Gültigkeit für die erstere. 
„Der Satz, dass der Mensch sich aus niederen Wirbelthieren, und 
zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein specieller 
Deductions -Schluss, welcher sich aus dem generellen Inductions- 
Gesetz der Descendenz-Theorie mit absoluter Noth wendigkeit ergiebt." 
Die weitere Ausführung dieser Auffassung und ihrer Folgerungen 
habe ich dann in den verschiedenen Auflagen meiner „Natürlichen 
Schöpfungsgeschichte" (I. Aufl. 1868, IX. Aufl. 1898) und meiner 
„Anthropogenie" (I. Aufl. 1874, IV. Aufl. 1891) gegeben; ihre streng 
wissenschaftliche Begründung im dritten Theile meiner „Syste- 
matischen Phylogenie" (1895)®). 

Im Laufe der vierzig Jahre, welche seit der ersten Mittheilung 
über Dabwin's Theorie jetzt verflossen sind, ist bekanntlich eine 
umfangreiche polemische Literatur sowohl über ihre allgemeine Be- 
deutung erschienen, als auch über die Anthropogenie, ihre wichtigste 
specielle Folgerung. Dass die letztere mit der ersteren untrennbar 



— 8 — 

verknüpft ist, wird heute allgemein anerkannt, und gerade aus 
diesem innigen Zusammenhang erklärt sich ja auch der zähe Wider- 
stand, den der ganze Transformismus seither von Seiten aller 
mystischen und orthodoxen Schulen erfahren hat, von Seiten aller 
Menschen, welche sich von dem hergebrachten anthropocentrischen 
Aberglauben nicht los machen können. In dem lebhaften Kampfe 
dagegen sind die verschiedensten WaflFen gebraucht worden; wir 
können uns hier nur auf jene Einwände beziehen, welche auf 
empirisch-biologischer Grundlage beruhen sollen; wir müssen ab- 
sehen von allen jenen zahlreichen Angriffen, welche nur auf Grund 
von metaphysischen und mystischen Speculationen, ohne Kenntniss 
der empirisch festgestellten Thatsachen der Biologie, unternommen 
worden sind. Der wichtigste Theil unserer Aufgabe wird dabei die 
kritische Prüfung der drei grossen Urkunden sein, welche wir 
allen phylogenetischen Untersuchungen zu Grunde legen, der Palä- 
ontologie, der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Wir werden 
einen Blick auf die bedeutungsvollen Fortschritte zu werfen haben, 
welche diese drei wichtigsten Hülfswissenschaften der Anthropogenie 
im letzten Decennium gemacht haben, und sodann kritisch den 
Grad der positiven Sicherheit untersuchen, welchen auf Grund 
derselben unsere Kenntniss vom Ursprung des Menschen gegen- 
wärtig erreicht hat. 

Vor Allem haben wir hier die Stellung zu prüfen, welche die 
moderne Zoologie, gestützt auf die vergleichende Anatomie, 
dem Menschen im natürlichen Systeme des Thierreichs anweist. 
Denn das Ziel des natürlichen Systems selbst ist ja die Erkenntniss, 
des hypothetischen Stammbaums; und alle die einzelnen grösseren 
und kleineren Gruppen, welche wir als Classen, Legionen, Ordnungen, 
Familien, Gattungen und Arten in jedem Stamme unterscheiden, sind 
nur verschiedene Zweige und Aeste dieses Stammbaums. Nun ist 
ja für den Menschen selbst diese systematische Stellung auf Grund 
seines gesammten Körperbaues längst unzweifelhaft festgestellt. Als 
der grosse Lamarok im Beginne unseres Jahrhunderts die vier 
höheren von den sechs Thierclassen Linn^'s unter dem Begriffe der 
Wirbelthiere zusammenfasste , hatte er damit zugleich dem 
Menschen selbst seine Stellung an deren Spitze angewiesen. Linne 
selbst hatte schon 1735 in seinem grundlegenden „Systema Naturae" 
den Menschen an die Spitze der Säugethiere gestellt und ihn 
mit den Affen und Halbaffen zusammen in der Ordnung der ^Anthro- 
pomorpha^ oder „Menschenförmigen" vereinigt; später nannte er 
sie Herrenthiere oder Pnwa^es, — die „Herren der Schöpfung". 

Alle Merkmale im Körperbau, durch welche sich die Säugethiere 
von den übrigen Wirbelthieren unterscheiden, besitzt auch der 



— 9 — 

Mensch; daher hat sich über seine Zugehörigkeit zu dieser Classe 
auch niemals Streit erhoben. Dagegen sind über den Platz, welchen 
der Mensch in einer der Säugethier-Ordnungen einzunehmen hat, 
die Ansichten auch heute noch verschieden. Cüvieb folgte, als er 
das Thier- System (1817) durch die vergleichende Anatomie neu 
begründete, dem Vorgange von Blümenbach und schuf für den 
Menschen die besondere Ordnung der Zweihänder (Bimana) im 
Gegensatze zu den Affen und Halbaffen, alsVierhändern (Quadru- 
mana). Diese Anordnung wurde während eines halben Jahrhunderts 
von den meisten Lehrbüchern beibehalten ; sie wurde erst unhaltbar, 
als HuxLBY 1863 zeigte, dass ihre Grundlage auf einem anatomischen 
Irrthum beruhe, und dass die Affen ebenso in Wahrheit Zweihänder 
seien wie der Mensch. Damit war die Primaten- Ordnung im 
Sinne von Linke wieder hergestellt. 

Als drei Unterordnungen der Primaten unterschieden in 
den letzten dreissig Jahren die meisten Autoren 1. die Halbaffen 
(Prosimiae), 2. die Affen (Simiae) und 3. die Menschen (Anfhropi). 
Andere Zoologen wieder gestanden dem Menschen nur den Rang 
einer Familie in der Affen-Ordnung zu. Die formenreiche Gruppe 
der echten Affen (Simiae oder Piiheca) zerfällt in zwei natürliche 
Abtheilungen, die geographisch ganz getrennt erscheinen und sich 
unabhängig von einander in der westlichen und östlichen Erdhälfte 
entwickelt haben. Die amerikanischen Affen oder West äffen 
(Hesperopitheca) zeichnen sich durch kurzen knöchernen Gehörgang 
und breite Nasenscheidewand aus; sie sind daher als Plattnasen 
(Plaiyrrhinae) unterschieden worden. Dagegen besitzen die Affen 
der alten Welt, welche Asien und Afrika (früher auch Europa) be- 
wohnen, einen langen knöchernen Gehörgang und eine schmale 
Nasenscheidewand wie der Mensch; man hat daher diese Ostaffen 
(Eopitheca) auch als Schmalnasen (Catarrhinae) bezeichnet. Da 
der Mensch auch im übrigen Körperbau die morphologischen Merk- 
male der Ostaffen besitzt und sich dadurch ebenso wie diese von 
den Westaffen unterscheidet, haben einige Zoologen der Menschen- 
Gattung ihre systematische Stellung innerhalb der Gruppe der Ostaffen 
angewiesen ^). Unzweifelhaft ist diese Unterordnung der Catarrhinen 
eine ganz natürliche Abtheilung, deren zahlreiche lebende und ausge- 
storbene Gattungen durch viele und wichtige Merkmale im Körperbau 
eng verbunden sind ; sie umfasst aber trotzdem eine lange Reihe von 
sehr verschiedenen Bildungsstufen. Die niedersten Schwanzaffen oder 
Hundsaffen (Cynopiiheca), besonders die Paviane (Papiomorpha), 
erscheinen uns als eine widerwärtige Carricatur der edlen Menschen- 
gestalt; sie bleiben auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stehen 
und schliessen sich den älteren Platyrrhinen und Prosimien an. 



— 10 — 

Andererseits erheben sich die «ch wanzlosen Menschenaffen 
(Anthroponwrpha) zu einer Höhe der Organisation, welche den un- 
mittelbaren Uebergang zur menschlichen Bildung sonnenklar er- 
läutert. Daher ging einer der genauesten Kenner der Primaten- 
Anatomie, RoBEBT Habthann, SO wcit, dass er vorschlug, die ganze 
Primaten-Ordnung in drei Familien zu trennen: 1. Primariij 
(Menschen und anthropomorphe Affen), 2. Simicte, eigentliche Affen 
(Catarrhinen und Platyrrhinen), 3. Prosimiae (Halbaffen). Diese 
Anordnung erscheint gerechtfertigt durch die interessante Entdeckung 
von Selenka (1890), dass die ganz eigenthümliche Placenta-Bildung 
des Menschen auch bei den Menschenaffen sich findet, nicht aber 
bei den übrigen Affen. 

Entscheidend für die Frage, welcher von diesen verschiedenen 
Eintheilungen man den Vorzug geben will, ist der bedeutungsvolle 
Satz, welchen HuxLBY 1863 auf Grund der gopauesten kritischen Ver- 
gleichung aller anatomischen Verhältnisse innerhalb der Primaten- 
Ordnung aufstellte, und welchen ich seinem scharfsinnigen Be- 
gründer zu Ehren das Huxley'sche (xesetz oder den „Pithe- 
cometra-Satz von Hüxley" genannt habe: „Die kritische Ver- 
gleichung aller Organe und ihrer Modificationen innerhalb der 
Affen-Reihe führt uns zu einem und demselben Resultate: Die 
anatomischen Verschiedenheiten, * welche den Menschen vom Gorilla 
und Schimpanse scheiden, sind nicht so gross als die Unterschiede, 
welche diese Menschenaffen von den niedrigeren Affen trennen." 
Daraus folgt aber für jeden unbefangenen Systematiker die logische 
Noth wendigkeit, dem Menschen seinen systematischen Platz inner- 
halb der Affen- Ordnung einzuräumen. Bei gewissenhaftester Prüfung 
jener Unterschiede und bei strengster logischer Schlussfolgerung 
können wir aber noch einen Schritt weiter gehen und statt des 
weiteren Begriffes Affen (Simiae) den engeren Begriff Ostaffen 
(Catarrhinae) setzen. Der maassgebende Pithecometra-Satz 
lautet dann in dieser schärfsten Fassung: „Die vergleichende Ana- 
tomie sämmtlicher Organe innerhalb der Catarrhinen- Gruppe führt 
uns zu einem und demselben Resultate: Die morphologischen Diffe- 
renzen zwischen dem Menschen und den anthropomorphen Ostaffen 
sind nicht so gross als diejenigen zwischen diesen Menschenaffen 
und den papiomorphen Hundsaffen, den niedrigsten Catarrhinen." 
Nun können wir diesen unbestreitbaren Pithecometra-Satz, sowie 
die feste anatomische Begründung des Primaten-Systems unmittelbar 
für die Stammesgeschichte des Menschen verwerthen. Denn das 
natürliche System ist innerhalb der Primaten-Ordnung ebenso der 
Ausdruck der wahren Stammverwandtschaft wie in jeder anderen 
Gruppe des Thier- und Pflanzenreichs^). Daraus ergeben sich 



— 11 — 

folgende wichtige Schlussfolgerungen für den Stammbaum des 
Menschen: 1, Die Primaten bilden eine natürliche, mono- 
phyletische Gruppe; alle Herren thiere, Halbaffen und Affen, mit 
Inbegriff des Menschen, stammen von einer gemeinsamen ursprüng- 
lichen Stammform ab, einem hypothetischen Archiprimas. 2. Von 
den beiden Ordnungen der Primaten- Legion sind die Halbaffen 
(Prosimiae) die niederen und älteren; aus ihnen haben sich erst 
später die echten Affen (Simiae) entwickelt. 3. Unter diesen 
letzteren bilden die Ostaffen (Catarrhinae) eine natürliche, mono- 
phyletische Gruppe; ihre gemeinsame hypothetische Stammform 
(Archipithecus) ist direct oder indirect von einem Zweige der Halb- 
affen abzuleiten ( — gleichviel, wie man ihre Beziehung zu den 
Westaffen auffasst — ). 4. Der Mensch stammt von einer Reihe aus- 
gestorbener Ostaffen ab; die jüngeren Ahnen dieser Reihe gehörten 
zur Gruppe der schwanzlosen Menschenaffen, mit fünf Kreuz- 
wirbeln (Anthropoides), die älteren zur Gruppe der geschwänzten 
Hundsaffen, mit drei oder vier Kreuzwirbeln (Oynopitheca). Diese 
vier Sätze stehen nach unserer Ueberzeugung unerschütterlich fest, 
gleichviel, welche anatomischen oder paläontologischen Entdeckungen 
später noch die vielen Stufen der phyletischen Anthropogenesis im 
Einzelnen näher aufklären werden. (Vergl. den Stammbaum im 
Anhang, Anm. 2, und dazu das gegenüberstehende System der 
Primaten, Anm. 1.) 

Die vergleichende Anatomie, welche mit kritischem 
Scharfblick einerseits analytisch die Unterschiede. im Körperbau der 
einzelnen Thierformen prüft, andererseits synthetisch auf Grund 
ihrer gemeinsamen Merkmale die natürlichen Formengruppen zu- 
sammenfasst, hat jenen Pithecometra-Lehrsatz und seine bedeutungs- 
vollen Schlussfolgerungen jetzt endgültig bewiesen. Nicht weniger 
wichtig als diese morphologischen Erkenntnisse sind aber die 
physiologischen, welche uns die lehrreiche, bisher leider sehr ver- 
nachlässigte vergleichende Physiologie liefert. Denn die 
unbefangene kritische Vergleichung aller einzelnen Leben sthätig- 
keiten lehrt uns, dass auch hier nirgends ein durchgreifender 
Unterschied zwischen Mensch und Affe besteht. Unsere gesammte 
Ernährung, Verdauung und Kreislauf, Athmung und Stoffwechsel, 
werden durch dieselben physikalischen und chemischen Processe 
bewirkt wie bei den Menschenaffen. Dasselbe gilt für die einzelnen 
Vorgänge bei der Geschlechtsthätigkeit und Fortpflanzung. Das- 
selbe gilt ebenso für die animalen Functionen der Bewegung und 
Empfindung. Unsere Sinnesthätigkeit erfolgt nach denselben physi- 
kalischen und chemischen Gesetzen, wie bei den Affen. Die 
Mechanik unseres Knochengerüstes und die Bewegungen, welche 



— 12 — 

UDsere Muskeln mittelst dieses Hebel- Apparates ausführen ^ sind 
nicht von denjenigen der Menschenaffen verschieden. Früher pries 
man als besondere x Auszeichnung des Menschen den aufrechten 
Gang; jetzt wissen wir, dass derselbe auch vom Gorilla und Schim- 
panse, vom Orang und vorzüglich vom Gibbon zeitweise an- 
\ genommen werden kann. 

Nicht anders verhält es sich mit der menschlichen Sprache. 
Die verschiedenen Laute, durch welche die Affen ihre Empfin- 
dungen und Wünsche, Zuneigung und Abneigung mittheilen, müssen 
von der vergleichenden Physiologie ebenso als „Sprache" be- 
zeichnet werden wie die gleich; unvollkommenen Laute, welche 
kleine Kinder beim Sprechenlernen bilden, und wie die mannig- 
faltigen Töne, durch welche sociale Säugethiere und Vögel sich 
ihre Vorstellungen mittheilen. Der modulirte Gesang der Sing- 
vögel gehört ebenso in das Gebiet der Sprache wie der ähnliche 
Gesang der Menschen. Uebrigens giebt es auch einen musikalischen 
Menschenaflfen ; der singende Gibbon oder Siamang (Hylohates 
syndactylus) beginnt mit dem Grundton E und durchläuft die ganze 
chromatische Tonleiter, eine volle Octave hinauf, in reinen und 
klangvollen halben Tönen. Das alte Dogma, dass nur der Mensch 
mit Sprache und Vernunft begabt sei, wird auch heute noch bis- 
weilen von angesehenen Sprachforschern vertheidigt, so z. B. von 
Max Müller in Oxford. Es wäre hohe Zeit, dass diese irrthüm- 
liche, auf Mangel an zoologischen Kenntnissen beruhende Behaup- 
tung endlich aufgegeben würde. 

Den grössten Schwierigkeiten und dem heftigsten Widerstände 
begegnet jedoch unser Pithecometra-Satz auf einem einzelnen Ge- 
biete der Nerven-Physiologie , nämlich demjenigen der Seelen- 
thätigkeit. Die wunderbare „Seele des Menschen" soll ein 
ganz besonderes „Wesen" sein, und es gilt noch heute Vielen für 
unmöglich, dass sie sich historisch aus der „Aflfenseele" entwickelt 
habe. Nun haben uns aber erstens die bewunderungswürdigen 
Entdeckungen der vergleichenden Anatomie im letzten De- 
cennium bewiesen, dass sowohl der feinere, wie der gröbere Bau 
des Gehirns beim Menschen derselbe ist wie bei den Menschenaffen; 
die unbedeutenden Unterschiede zwischen Beiden in der Grösse 
und Gestalt der einzelnen Gehirntheile sind geringer als die ent- 
sprechenden Unterschiede zwischen den Menschenaffen und den 
niedersten Ostaflfen, insbesondere den Pavianen oder Papstaffen. 
Zweitens lehrt uns die vergleichende Ontogenie, dass der 
höchst verwickelte Gehirnbau sich beim Menschen aus derselben 
einfachen Anlage entwickelt wie bei allen übrigen Wirbelthieren, 
aus fünf hinter einander gelegenen Hirnblasen des Embryo; die 



~ 13 — 

besondere Art und Weise, in welcher sich die eigenthtimliche 
Form des Primaten- Gehirns aus jener höchst einfachen embryonalen 
Anlage hervorbildet, ist beim Menschen ganz gleich derjenigen, 
welche die Menschenaffen auszeichnet. Drittens tiberzeugt uns die 
vergleichende Physiologie durch Beobachtung und Experi- 
ment, dass sämmtliche Gehirnfunctionen , ebenso das Bewusst- 
8 ein und die sogenannten höheren Seelen thätigkeiten , wie die 
niederen Reflexactionen , beim Menschen durch dieselben physi- 
kalischen und chemischen Vorgänge im Nervensystem vermittelt 
werden wie bei allen übrigen Säugethieren. Viertens endlich 
erfahren wir durch die vergleichende Pathologie, dass alle 
sogenannten „Geisteskrankheiten" beim Menschen ebenso durch 
materielle Veränderungen von bestimmten Gehirntheilen bewirkt 
werden wie bei den nächst verwandten Säugethieren. 

Unbefangene kritische Vergleichung bestätigt auch hier das 
HüXLEY'sche Gesetz: Die psychologischen Unterschiede 
zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind 
geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen 
den Menschenaffen und den niedrigsten Affen. Und 
diese physiologische Thatsache entspricht genau dem anatomischen 
Befunde, welchen uns die betreffenden Unterschiede im Bau der 
Grosshirnrinde, des wichtigsten „Seelenorgans**, darbieten. Die 
hohe Bedeutung dieser Erkenntniss wird uns noch klarer, wenn 
wir dabei die ausserordentlichen Unterschiede des Seelenlebens 
innerhalb des Menschengeschlechts selbst in's Auge fassen. Da 
sehen wir hoch oben einen Goethe und Shakespeare, einen Darwin 
und Lamarck, einen Spinoza und Aristoteles — und damit ver- 
gleichen wir nun tief unten einen Wedda und Akka, einen Austral- 
neger und Dravida, einen Buschmann und Patagonier ! Der gewal- 
tige Abstand im Seelenleben jener höchsten und dieser niedersten 
Vertreter des Menschengeschlechts ist weit grösser als derjenige 
zwischen den letzteren und den Menschenaffen*). 

Wenn nun trotzdem auch heute noch in den weitesten Kreisen 
die „Menschen- Seele" als ein besonderes „Wesen" betrachtet 
und als wichtigstes Zeugniss gegen die verrufene „Abstammung 
des Menschen vom Affen" in den Vordergrund gestellt wird, so 
erklärt sich dies einerseits aus dem tiefen Zustande der sogenannten 
„Psychologie", andererseits aus dem weit verbreiteten Aberglauben 
an die „Unsterblichkeit der Seele". Die Wissenschaft, welche auch 
heute noch in den meisten Lehrbüchern und auf den meisten 
akademischen Lehrstühlen als „Psychologie" docirt wird, ist 
nicht wahre empirische Seelenkunde, nicht Physiologie der 
Seelenorgane, sondern vielmehr eine phantastische Metaphysik, 



— 14 — 

zusammengesetzt aus einseitiger introspectiver Selbstbeobachtung 
und unkritischer Vergleichung , aus missverstandenen Wahrneh- 
mungen und unvollständigen Erfahrungen ^ aus speculativen Ver- 
irrungen und religiösen Dogmen. Die meisten sogenannten „Psycho- 
logen^ kennen nicht einmal den feineren Bau des Gehirns und 
der Sinnesorgane, jener bewunderungswürdigen und überaus com- 
plicirten Werkzeuge, welche einzig und allein die Seelenthätigkeit 
beim Menschen wie bei den Thieren vermitteln. Die meisten 
Psychologen besitzen noch heute keine Kenntniss von den bedeu- 
tungsvollen Ergebnissen der modernen Experimental-Psychologie 
und Psychiatrie, oder sie ignoriren dieselben absichtlich; ja sie 
kennen nicht einmal die factische Localisation der einzelnen 
Seelenthätigkeiten, ihr Gebundensein an die normale Beschaffenheit 
einzelner Gehirntheile. 

Die überraschenden Aufschlüsse , welche uns hierüber die 
feinere Anatomie und Ontogenie des menschlichen Gehirns, unter- 
stützt durch die experimentelle Physiologie und Pathologie, erst in 
den letzten vier Jahren gegeben hat, gehören zu den wichtigsten 
Entdeckungen des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings sind die- 
selben bis jetzt erst wenig in weitere Kreise gedrungen; allein das 
erklärt sich einerseits durch die grosse Schwierigkeit des Verständ- 
nisses, welche die höchst verwickelte Architektur unseres Gehirns 
darbietet, andererseits' aus dem hartnäckigen passiven Widerstand 
der herrschenden Schul - Psychologie. Die Localisation der 
höheren Seelenthätigkeiten auf das Gebiet der Grosshirnrinde 
war schon vor zehn Jahren durch die bedeutungsvollen Unter- 
suchungen von Goltz, Munk, Wernicke, Edinger u. A. nachgewiesen. 
Neuerdings aber ist es PAUji Flechsig (1894) gelungen, die ein- 
zelnen Theile dieses Gebietes bestimmter von einander abzugrenzen ; 
er hat nachgewiesen, dass in der grauen Rindenzone des Hirn- 
mantels vier Gebiete der centralen Sinnesorgane oder vier „innere 
Empfindungssphären** deutlich gesondert sind, die Körper- 
fühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im Stirnlappen, die 
Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im Schläfenlappen. 
Zwischen diesen vier „Sinnesh erden*** liegen die vier grossen 
Denkherde oder Associons-Centren ( — gewöhnlich „Asso- 
ciations-Centren** genannt — ), die realen Organe des Geistes- 
lebens; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelenthätigkeit, 
welche das Denken und das Bewussts ein vermitteln; vorn das 
Stirnhirn oder „frontale Associons - Centrum " , hinten oben das 
Scheitelhirn oder „parietale Associons-Centrum**, hinten unten das 
Principalhirn oder das „grosse occipito-temporale Associons-Centrum** 
(das wichtigste von Allen!) und endlich tief unten, im Inneren 



— 15 — 

versteckt, das Inselhirn oder die „Reirsche Insel", das „insulare 
Associons-Centrum". Diese vier Denkherde, durch eigen thtimliche 
und höchst verwickelte Nervenstructur vor den zwischenliegenden 
Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren „Denkorgane", 
die einzigen realen Werkzeuge unseres Geisteslebens ^^). 

Das bedeutendste Hinderniss für die Anerkennung dieses 
grössten Fortschrittes der natürlichen Psychologie 
bildet noch in weitesten Kreisen das hochgehaltene Dogma von der 
„Unsterblichkeit der Seele". Dieser verhängnigsvolle, von 
rohen Naturvölkern in den verschiedensten Mythen ausgebildete 
Aberglaube war schon im sechsten Jahrhundert vor Christus von 
der ionischen Naturphilosophie überwunden worden; er war auch 
der mosaischen Religion unbekannt, ebenso wie der buddhistischen. 
Erst durch die mystischen Speculationen von Plato, von Christus 
und von Muhammed gewann derselbe seine systematische Aus- 
bildung; begünstigt durch den Untergang der classischen Hellenen- 
Cultur und durch die Ausbreitung der päpstlichen Hierarchie in 
dem rohen Mittelalter, beherrschte derselbe länger als ein Jahr- 
tausend die gesammte höhere Geistesbildung. Obgleich nun frei- 
denkende Philosophen, besonders seit der Reformationszeit, vielfach 
die Unhaltbarkeit des Unsterblichkeits-Glaubens darlegten, blieb 
doch seine definitive wissenschaftliche Widerlegung der monistischen 
Natur-Erkenntniss des letzten halben Jahrhunderts vorbehalten^^). 
Das universale Substanz-Gesetz — das grosse „Gesetz von 
der Erhaltung der Materie und von der Erhaltung der Energie" — 
beherrscht das Seelenleben der Thiere und des Menschen ebenso 
wie alle anderen Naturerscheinungen; es muss uns auf Grund des- 
selben heute ganz absurd erscheinen, wenn man eine einzige Aus- 
nahme von diesem obersten Naturgesetze zu Gunsten der Nerven- 
Physiologie eines einzigen Säugethieres machen will, welches sich 
erst viele Millionen von Jahren nach Beginn des organischen 
Erdenlebens aus einer tertiären Primaten-Reihe langsam und stufen- 
weise entwickelt hat*^). 

Da wir uns hier auf die universale Gültigkeit des Substanz- 
Gesetzes berufen müssen, wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, 
welche mächtige Stütze dieses höchste Naturgesetz gerade durch 
die erstaunlichen Fortschritte der Zoologie in den letzten vierzig 
Jahren erhalten hat. Denn wie der Darwinismus die Herrschaft 
der mechanischen Causalität für das Gesammtgebiet der 
organischen Entwickelung nachgewiesen hat, so ist durch dessen 
wichtigsten Folgeschluss , durch den Pithecometra-Satz, ihre all- 
gemeine Geltung auch für die gesammte Anthropologie bewiesen 
worden. Nicht allein das Dogma von der persönlichen Unsterblich- 



— 16 — 

r 

keit der menschlichen Seele ist mit dem Substanz-Gesetz unverein- 
bar, sondern ebenso auch die beiden anderen grossen, eng damit 
verknüpften Glaubenssätze, das Dogma von der Freiheit des 
menschlichen Willens und das Dogma von der Existenz 
eines menschenähnlichen „persönlichen Gottes", als Schöpfers, 
Erhalters und Regierers der Welt^®). 

In der modernen Philosophie ist gegenwärtig vielfach die An- 
sicht verbreitet, dass diese drei Central-Dogmen — die 
Hauptstutzen der mystischen und dualistischen Weltanschauung! — 
trotz aller Fortschritte der modernen Natur - Erkenntniss uner- 
HohUttert fortbestünden. Wenn sich aber der Glaube mit Vorliebe 
dabei auf die kritische Philosophie von Immanuel Kant beruft, 
HO vorgisst er den wichtigen Umstand, dass die apriorischen 
Fundamente derselben rein dogmatisch waren. Die mystischen 
Nebel- Gestalten jener drei Central-Gespenster lösen sich auf in dem 
hellen Sonnenschein der Wahrheit, welchen das Substanz-Gesetz, 
die Descendenz-Theorie und der Pithecometra-Satz über die^Welt- 
räthsel" verbreiten. 

Die nächste Frage ist nun, wie sich die Paläontologie 
zu jenen inhaltschweren Ergebnissen der vergleichenden Anatomie 
und zu ihrer Anwendung auf das Primaten-System und auf die 
Phylogenie verhält. Denn die Versteinerungen sind ja die 
wahren „Denkmünzen der Schöpfung", die unmittelbaren 
Zeugnisse für die historische Succession der zahreichen Formen- 
gruppen, welche unseren Erdball seit vielen Jahrmillionen bevölkert 
haben. Liefern uns die Petrefacten der Primaten bestimmte An- 
haltspunkte für die obigen Pithecometra-Sätze? Und bestätigen 
sie direct die viel umstrittene „Abstammung des Menschen vom 
Affen"? Nach unserer Ansicht ist diese Frage unbedingt zu 
bejahen. Freilich sind aus bekannten Gründen die negativen 
Lücken der paläontologischen Urkunden, hier wie überall, sehr 
empfindlich; und gerade im Primaten-Stamm sind sie, da die 
meisten Herrenthiere auf Bäumen kletternd leben, grösser als in 
vielen anderen Thiergruppen. Aber diesen leeren Lücken steht 
andererseits eine stetig wachsende Zahl von positiven That- 
sachen gegenüber; und diese erst neuerdings entdeckten Versteine- 
rungen besitzen einen phylogenetischen Werth, der nicht hoch 
genug anzuschlagen ist. Das wichtigste und interessanteste von 
diesen Primaten-Petrefacten ist der berühmte Piihecanthropics ereduSy 
welchen Eugen Dübois 1894 in Java gefunden hat. Da dieser 
pliocäne Affenmensch auf dem letzten Zoologen-Congresse , vor 
drei Jahren in Leyden, eine lebhafte Discussion hervorrief, mögen 
mir hier einige Worte zur Beurtheilung desselben gestattet sein. 



— 17 — 

Aus den Verhandlungen des Congresses in Leyden (bei welchem 
ich nicht zugegen war) ersehe ich, dass damals die angesehensten 
zoologischen und anatomischen Autoritäten höchst verschiedene An- 
sichten über die Natur des merkwürdigen Pithecanthropus äusserten. 
Leider waren seine Reste, ein Schädeldach, ein Oberschenkel und 
einige Zähne, so unvollständig, dass ein abschliessendes Urtheil nicht 
möglich war. Das Endergebniss der langen und eifrigen darüber 
geführten Debatte war, dass von ungefähr zwölf angesehenen 
Autoritäten drei die fossilen Reste auf einen Menschen, drei auf 
einen Affen bezogen; sechs oder mehr andere Zoologen hingegen 
erklärten sie für das, was sie auch nach meiner Meinung wirklich 
sind: fossile Ueberreste einer ausgestorbenen Uebergangsform 
zwischen Mensch und Affe. In der That scheint mir, nach den 
einfachen Gesetzen der Logik, nur diese eine Schlussfolgerung 
berechtigt: Pithecanthropus erectus von Duböis ist in der That ein 
Ueberrest jener ausgestorbenen Mittelgruppe zwischen Mensch und 
Affe, welcher ich schon 1866 als hypothetisches Verbindungsglied 
den Namen Piihecanthropiis beigelegt hatte; er ist das vielgesuchte 
„fehlende Glied" (Missing link) in der Kette der höchsten 
Primaten ^*). 

Der verdienstvolle Entdecker des Pithecanthropus erectus, Ecjqen 
DüBOis, hat nicht allein seine hohe Bedeutung als ,^ Missing linJe^ 
tiberzeugend dargelegt, sondern auch in sehr scharfsinniger Weise 
die wichtigen Beziehungen beleuchtet, welche dieses verbindende 
Mittelglied einerseits zu den niederen Rassen des Menschen- 
geschlechts, andrerseits zu den verschiedenen bekannten Arten der 
Menschenaffen besitzt, sowie auch zu der gemeinsamen hypothetischen 
Stammform dieser ganzen Gruppe von Primariern oder Anthro- 
pomorphen. Diese gemeinsame Stammform nennt Dubois Prothy- 
lobates (Urgibbon); sie wird im Wesentlichen denselben Körper- 
bau besessen haben wie der heutige Gibbon {Hyloiates) in Süd- 
Asien, und wie der fossile Pliopithecus, dessen versteinerte Ueber- 
reste im mittleren Tertiär - Gebirge von Mittel - Europa gefunden 
wurden (im oberen Miocän von Frankreich, der Schweiz und 
Steiermark). Derselbe stammt ab von einer älteren generalisirten 
Affenform, welche in der älteren Miocän-Zeit lebte, und welche 
man als den gemeinsamen Stammvater sämmtlicher Ostaffen be- 
trachten kann, sowohl der geschwänzten Cynopitheken, als der schwanz- 
losen Anthropomorphen. Unter diesen letzteren kennen wir jetzt 
sowohl lebende Gibbon-Arten , welche dem Pliopithecus noch sehr 
nahe stehen, als auch fossile Menschenaffen, welche direct zum 
Pithecanthropus hinüber führen; eine solche Zwischenform ist der 

Haeckel, Ursprung des Menschen. 2 



— 18 — 

Palaeopithecus sivalensis, dessen Skelett in den jüngsten Tertiär- 
Schichten Ostindiens gefunden wurde, in dem pliocänen Siwalik- 
Gebirge. 

Für die richtige Beurtheilung des bedeutungsvollen Piihecanthropus 
und seiner Mittelstellung zwischen den Menschenaffen und Menschen 
sind zwei Verhältnisse besonders werthvoll; erstens die ganz 
menschenähnliche Bildung des Oberschenkels, und zweitens die 
relative Grösse des Gehirns. Unter den wenigen heute noch 
lebenden Menschenaffen gelten die Gibbons {Hylobates) zwar als 
die niedersten und ältesten, welche der gemeinsamen Stammform 
aller Anthropomorphen am nächsten stehen ; sie sind aber auch am 
meisten Generalisten und erscheinen vorzüglich geeignet, die 
„Transformation des Affen in den Menschen" zu erläutern. Die 
Gibbons haben mehr als die anderen lebenden Anthropoiden die 
Gewohnheit, freiwillig den aufrechten Gang anzunehmen, wobei die 
Füsse mit der ganzen Sohle auftreten und die langen Arme als 
Balancirstangen benutzt werden. Dagegen sind die anderen modernen 
Menschenaffen (Orang, Schimpanse und Gorilla) viel weniger geneigt, 
den aufrechten Gang zu versuchen, und sie treten dabei gewöhnlich 
nicht mit der vollen Fusssohle auf, sondern mehr mit deren Aussen- 
rand; auch in anderer Beziehung tragen sie mehr den Charakter 
von Specialisten, den besonderen Bedingungen ihrer kletternden 
Lebensweise auf Bäumen angepasst. So erklärt es sich, dass gerade 
der Oberschenkel bei Hylobates und bei Piihecanthropus weit mehr 
der menschlichen Bildung sich nähert als derjenige des Orang, 
Gorilla und Schimpanse. 

Aber auch der Schädel, dieses „geheimniss volle Gefäss" des 
Seelenorgans, nähert sich beim Pithecanthropus , ebenso wie beim 
Gibbon, in wichtigen Beziehungen am meisten den menschlichen 
Verhältnissen. Es fehlen die derben Knochenleisten, welche den 
Schädel der übrigen Anthropoiden auszeichnen. Die relative Grösse 
des Gehirns ( — im Verhältniss zur gesammten Körpergrösse — ) 
ist bei diesen letzteren nur halb so gross als beim Gibbon. Der 
Rauminhalt des Schädels beträgt beim Pithecanthropus zwischen 
900 und 1000 Kubikcentimeter, also ungefähr zwei Drittel von der 
Capacität einer mittelgrossen menschlichen Schädelhöhle. Dagegen 
erreicht derselbe bei den grössten lebenden Anthropoiden höchstens 
die Hälfte von ersterem, 500 Kubikcentimeter. Somit steht die 
Schädel - Capacität , also auch die Gehirngrösse, beim Pithecan- 
thropus genau in der Mitte zwischen derjenigen der Menschen- 
affen und der niederen Menschenrassen; und dasselbe gilt für die 
charakteristische Profillinie des Gesichtes. ISIan vergleiche damit 
den Schädel der niedersten, am meisten pithecoiden Menschen- 



— 19 — 

Rassen. Unter diesen sind besonders die noch lebenden Pygmäen, 
die kleinen Weddas von Ceylon und die Akkas von Central- Afrika 
von grossem Interesse^*). Die unbefangene Vergleichung aller 
dieser anatomischen Thatsachen bezeugt unzweideutig den Charakter 
des Piihecanthropus als einer wahren „Uebergangsform vom 
Menschenaffen zum Menschen**; er ist in Wahrheit das 
vielgesuchte und von Vielen als höchst wichtig betrachtete „fehlende 
Glied" in der Kette unserer Primaten-Ahnen, das vielbesprochene 
„Missing linJc^ ! 

Den hartnäckigsten Widerspruch gegen diese folgenschwere, 
jetzt von fast allen sachkundigen Naturforschern angenommene 
Deutung erhob von Anfang an der berühmte Berliner Pathologe 
Rudolf Virohow. Er reiste zu dem besonderen Zwecke nach 
Leyden, die Uebergangs-Bildung des Pithecanthropus zu widerlegen; 
indessen hatte er mit seinen Angriflfen kein Glück. Seine Behaup- 
tung, dass der Schädel und der Oberschenkel vom Pithecanthropus 
nicht zusammengehören, dass der erstere einem Affen, der letztere 
einem Menschen angehöre, wurde sofort von den anwesenden sach- 
kundigen Paläontologen widerlegt; sie erklärten auf Grund des 
höchst sorgfältigen und gewissenhaften Fundberichtes einstimmig: 
„es könne nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass die 
betreffenden Funde von einem und demselben Individuum her- 
rühren". ViECHOW behauptete ferner, dass eine krankhafte Knochen- 
wucherung am Oberschenkel des Pithecanthropus seine menschliche 
Natur deutlich beweise; denn nur durch sorgsame Pflege von 
Menschenhand hätte der Kranke genesen können. Gleich darauf 
zeigte der berühmte Paläontologe Marsh eine Anzahl von ähn- 
lichen Exostosen an Schenkelknochen wilder Affen, die keine 
„Krankenpflege" genossen hatten und trotzdem geheilt waren. Jede 
grössere osteologische Sammlung enthält übrigens ähnliche Präparate ; 
erfahrene Jäger wissen, dass auch Knochenbrüche und Knochen- 
entzündungen von Füchsen, Hasen, Hirschen, Rehen u. s. w. ganz 
gut in freiem Zustande heilen können ohne Pflege von Menschen- 
hand. Endlich behauptete Virohow, dass die tiefe Einschnürung 
zwischen dem Oberrand der Augenhöhlen und dem niederen Schädel- 
dach des Pithecanthropus — ein Zeichen für sehr tiefe Bildung der 
Schläfengruben — für seine Affennatur entscheidend sei, und 
dass diese Bildung beim Menschen niemals vorkomme. Wenige 
Wochen später zeigte der Paläontologe Nehring (der von 
Anfang an die richtige Deutung von Dubois vertreten hatte), 
dass ganz dieselbe Bildung an einem Menschen schädel von San tos 
in Brasilien vorhanden war*^). 

Ebenso wenig Glück hatte Virchow mit seiner „pathologischen** 



— 20 — 

Deutung von Schädeln niederer Menschen-Rassen schon früher ge- 
habt. Die berühmten Schädel von Neanderthal, von Spy, von 
Moulin-Quignon, von La Naulette u. s. w. — sämmtlich interessante 
vereinzelte Ueberreste von ausgestorbenen niederen Menschen-Rassen, 
welche zwischen dem Pithecanthropus und den niedersten Menschen- 
Rassen der Gegenwart standen — , sie alle wurden von Vibohow 
für abnorme krankhafte Bildungen, für pathologische Producte er- 
klärt; ja zuletzt gelangte der scharfsinnige Pathologe zu der un- 
glaublichen Behauptung, dass „alle Variationen organischer 
Formen pathologisch", nur durch Krankheit hervorgebracht 
seien. Demnach sind alle unsere veredelten Cultur-Producte , die 
Jagdhunde und Rennpferde, das veredelte Getreide und das feine 
Tafelobst, lediglich kranke Naturobjecte , durch pathologische 
Veränderung aus den allein „gesunden" wilden Urformen entstanden. 
Um diese seltsamen Behauptungen von Vieohow begreiflich 
zu finden, muss man bedenken, dass derselbe seit mehr als dreissig 
Jahren als seine wissenschaftliche Hauptaufgabe die Widerlegung 
des Darwinismus und der gesammten damit verknüpften Ent- 
wicklungslehre betrachtet. Mit grösster Hartnäckigkeit vertheidigt 
er die Constanz der Species, die jetzt von allen urtheilsfö-higen 
Naturforschern aufgegeben ist ; worin nun aber das Wesen und der 
Begriff der „wahren Art" oder Species liegt, vermag er so wenig 
zu sagen wie irgend ein anderer Gegner des Transformismus. Die 
wichtigste Consequenz des letzteren, die „Abstammung des Menschen 
vom Aflfen", bekämpft Virchow bekanntlich mit ganz besonderem 
Eifer und Nachdruck : „Es ist ganz gewiss, dass der Mensch 
nicht vom Affen abstammt." Diese Behauptung des Berliner 
Pathologen wird seit zwanzig Jahren in theologischen und anderen 
Zeitschriften — angeblich als entscheidendes Urtheil höchster 
Autorität! — unzählige Male wiederholt — unbekümmert darum, 
dass jetzt fast alle urtheilsfähigen Sachkenner die entgegengesetzte 
Ueberzeugung vertreten. NachViECHOW ist der „Affenmensch" nur 
„im Traume vorstellbar" ; die versteinerten Reste des Pithecanthropus 
sind die handgreifliche Widerlegung jener unbegründeten 
Behauptung^''). 

.Wie sehr gerade die grossartigen Fortschritte der Paläonto- 
logie in den letzten dreissig Jahren auch sonst für unsere Pithe- 
coiden-Theorie fruchtbar geworden sind, zeigt am besten das Bei- 
spiel der Primaten - Legion selbst. Cüvier, der Begründer der 
wissenschaftlichen Petrefactenkunde, behauptete bis zu seinem Tode 
(1832), dass es keine Versteinerungen von Affen gebe; den einzigen 
fossilen Halbaffen, dessen Schädel er beschrieb (Adapis), hielt er 
irrthümlich für ein Hufthier. Erst 183G wurden in Indien die ersten 



— 21 — 

versteinerten Reste von Affen gefunden, 1838 der Mesopithecus 
penihelicus bei Athen und erst 1862 weitere Reste von fossilen 
Halbaffen. In den letzten beiden Decennien aber sind uns durch 
die Entdeckungen von Gaudet, Filhol, Schlossee, besonders aber 
durch die reichen Funde der amerikanischen Paläontologen Maesh, 
CoPE, Leidy, Osbobn, Ameghino u. A. so zahlreiche ausgestorbene 
Primaten bekannt geworden, dass wir jetzt einen befriedigenden 
allgemeinen Einblick in die reiche Entwicklung dieser höchsten 
Säugethier- Legion während der Tertiärzeit gewonnen haben. Mit 
hoher Bewunderung habe ich kürzlich in London die lehrreiche 
Serie von fossilen Herrenthieren betrachtet, welche in den herrlichen 
paläontologischen Sälen des Museum of Natural History in South 
Kensington aufgestellt sind, darunter ein riesiger fossiler Halbaffe, 
welcher der menschlichen Statur nahe kam, und welchen Foesyth 
Majoe erst kürzlich auf der Insel Madagascar entdeckte {Megaladapis 
madagascariensis). 

Als wichtigster Unterschied zwischen den beiden Hauptgruppen 
der echten Affen gilt noch heute, wie zu Cüviee's Zeit, die charakte- 
ristische Gebissbildung. Der Mensch besitzt zweiunddreissig Zähne 
von sehr charakteristischer Bildung und Anordnung, gleich sämmt- 
lichen Ostaffen. Die Westaffen dagegen haben sechsundreissig Zähne, 
nämlich einen Lückenzahn mehr in jeder Kieferhälfte. Die ver- 
gleichende Zahnkunde war zu der phylogenetischen Hypothese be- 
rechtigt, dass diese Zahl durch Rückbildung aus einer höheren 
Zahnformel entstanden sei, aus vierundvierzig Zähnen; denn diese 
typische Gebissform (in jeder Kieferhälfte drei Schneidezähne, 
ein Eckzahn, vier Lückenzähne und drei Backzähne) ist allen 
jenen älteren Säugethieren der Eocänperiode gemeinsam, welche 
wir als die Stammformen der Hauptgruppen der Zottenthiere (Placen- 
ialia) betrachten: Lemuravida, Condylarthra, Esthonychida und 
Ictopsida. Diese vier alttertiären Stammformen der Herrenthiere, 
der Hufthiere, der Nagethiere und der Raubthiere stehen sich im 
gesammten Körperbau so nahe, dass wir sie in einer gemeinsamen 
Stammgruppe der Placentalthiere vereinigen können, der Ur- 
zottenthiere (Prochoriata), Mit grosser Wahrscheinlichkeit 
knüpfen wir jetzt daran die weitere monophyletische Hypothese, 
dass alle Zottenthiere oder Placentalien — von den niedersten 
Prochoriaten bis zum Menschen hinauf — von einer gemeinsamen 
unbekannten Stammform der Kreidezeit abstammen, und dass 
dieses älteste Zottenthier aus einer älteren, in der Juraperiode 
lebenden Beutelthier-Gruppe entsprungen war. 

Nun besitzen wir aber unter jenen zahlreichen fossilen Halb- 
affen, die erst in den letzten beiden Decennien gefunden sind, in 



— 22 — 

der That alle die gewünschten Zwischenglieder, alle die 
„Missing links", welche von der phyletischen Gebisskunde gefordert 
wurden. Die ältesten Prosimien der Tertiärzeit, die alt-eocänen 
P achylemuren (oder Hyopsodinen), haben noch die ursprünglichen 
vierundvierzig Zähne der Placentalien-Stammgruppe, in jeder Kiefer- 
hälfte oben und unten drei Schneidezähne, einen Eckzahn, vier 
Lückenzähne und drei Backenzähne. Ihnen folgen die eocänen 
Necrolemuren (oder Adapiden) mit vierzig Zähnen; sie haben 
einen Schneidezahn in jeder Kieferhälfte verloren. An diese schliessen 
sich die jüngeren Autolemuren (oder Stenopiden) an mit sechs- 
unddreissig Zähnen (ein Prämolar weniger); sie haben also bereits 
dieselbe Zahnformel wie die Platyrrhinen, die amerikanischen AflFen. 
Das Gebiss der Catarrhinen ist aus diesem durch Verlust eines 
zweiten Prämolaren entstanden. Diese Beziehungen sind so klar, 
und sie gehen so deutlich Hand in Hand mit der Umbildung des 
ganzen Schädels und der stärkeren Ausbildung der typischen 
Primatenform, dass wir sagen dürfen: Die allgemeinen Grundzüge 
des Primaten-Stammbaums von den ältesten eocänen Halbaffen bis 
zum Menschen hinauf liegen innerhalb der Tertiärzeit klar vor 
unseren Augen; da giebt es kein wesentliches „fehlendes Glied" 
mehr. Die phyletische Einheit des Primaten-Stammes, 
vom ältesten Lemuren bis zum Menschen hinauf, ist eine historische 
Thatsache. 

Anders verhält es sich, wenn wir die Tertiärzeit verlassen, 
und in der Secundärzeit die ältere Ahnenreihe der Säugethiere auf- 
suchen. Da stossen wir allenthalben auf empfindliche Lücken der 
paläontologischen Urkunde, und die verhältnissmässig sehr geringen 
Reste der mesozoischen Säugethiere (besonders spärlich in der Kreide) 
sind zu dürftig, um bestimmte Schlüsse über die systematische 
Stellung der betreflfenden Mammalien zu gestatten. Allerdings 
zwingt uns die vergleichende Anatomie und Ontogenie zu der An- 
nahme, dass die cretassischen Placentalien von jurassischen Marsu- 
pialien abstammen und diese von triassischen Monotremen. Wir 
können auch darauf hin vermuthen, dass unter den unbekannten 
Zottenthieren der Kreide sich Lemuraviden und andere Prochoriaten 
befanden, dass die Amphitheriden des Jura deren Beutelthier- Ahnen 
waren, und dass die Monotremen-Ahnen dieser letzteren unter den 
Pantotherien der Triaszeit zu suchen sind. Aber sichere Beweise 
für diese phyletischen Hypothesen liefert uns die Paläontologie bis 
jetzt nicht. Nur die eine wichtige Erkenntniss wird durch sie be- 
stätigt, dass die ältesten Säugethiere des mesozoischen Zeitalters, 
die Pantotherien und AUotherien der Trias, kleine, niedrig organi- 
fiirte, meist insectenfressende Thiere waren, welche die Ableitung 



- 23 — 

von älteren Wirbelthieren, von Reptilien oder Amphibien, gestatten. 
Auch widersprechen sie nicht der Annahme, dass die ganze 
Classe der Säugethiere, von den ältesten Monotremen bis 
zum Menschen hinauf, monophyle tisch ist, dass alle Glieder 
derselben von einer einzigen gemeinsamen Stammform abzuleiten sind. 
Diese positive Ueberzeugung von der phyletischen Ein- 
heit der Säugethier-Classe, von ihrem gemeinsamen 
Ursprünge aus einer einzigen ausgestorbenen Stammgruppe, wird 
jetzt von allen sachkundigen Zoologen getheilt, und ich halte 
sie für einen der grössten Fortschritte der modernen Thierkunde. 
Gleichviel, welches Organsystem der verschiedenen Mammalien- 
Ordnungen wir vergleichend betrachten, überall finden wir diese 
typische Uebereinstimmung in den wesentlichen Merkmalen des 
gröberen und feineren Baues. Nur bei den Säugethieren ist die 
Haut mit echten Haaren bedeckt, wesshalb Oken dieser Classe den 
Namen „Haarthiere" gab. Nur in dieser Classe findet sich all- 
gemein jene merkwürdige Art der Brutpflege, die Ernährung des 
neugeborenen Kindes durch die Milch der Mutter. Hier liegt die 
physiologische Quelle jener höchsten Form der Mutterliebe, 
welche einen so bedeutungsvollen Einfluss auf das Familienleben 
der verschiedenen Säugethiere, wie auf die Cultur und das höhere 
Seelenleben des Menschen ausgeübt hat. Von ihr singt der Dichter 
Chamisso mit ßecht: 

„Nur eine Mutter, die da liebt 

Das Kind, dem sie die Nahrung giebt, 

Nur eine Mutter weiss allein, 

Was lieben heisst und glücklich sein." 

Wenn die Madonna uns als das erhabenste und reinste Ur- 
bild dieser menschlichen Mutterliebe erscheint, so erblicken wir 
andererseits in der „Affenliebe", in der übertriebenen Zärtlichkeit 
der Affenmütter, das Gegenstück eines und desselben mütterlichen 
Instinctes. Die langsame Entwickelung desselben im Laufe vieler 
Jahrmillionen, von der Triasperiode bis zur Gegenwart, geht 
Hand in Hand mit einer ganzen Reihe von wichtigen Umbildungen. 
Denn die Anpassung des neugeborenen Säugethieres an das 
Milchsaugen hat ebensowohl an seinem eigenen Körper, wie an 
demjenigen seiner Mutter eine Reihe von bedeutungsvollen Ver- 
änderungen hervorgerufen. Während sich in der mütterlichen 
Haut die Milchdrüse durch Reizung und Differenzirung aus 
einer Gruppe von gewöhnlichen Hautdrüsen entwickelte, entstand 
durch die Saugbewegungen des kindlichen Mundes das Gaumen- 
segel und weiterhin der Kehldeckel — zwei Schlundorgane, welche 
nur den Säugethieren zukommen. Im Zusammenhang damit ver- 



— 24 — 

änderte sich der Mechanismus der Athmung; das zeigt sich sowohl 
im feineren Bau der Lunge, als in der Ausbildung eines vollstän- 
digen Zwerchfells. Nur bei den Säugethieren bildet dieses 
musculöse Diaphragma eine vollkommene Scheidewand zwischen 
Brusthöhle und Bauchhöhle ; bei allen älteren Wirbelthieren bleiben 
beide Höhlen in offenem Zusammenhang. Aber auch an dem 
Knochengerüste des Körpers und vor Allem am Schädel treten in 
Folge dessen wichtige Umbildungen ein. Wohl die merkwürdigste 
von diesen ist die Umbildung des Kiefergelenks, durch die 
sich die Säugethiere höchst auffallend von allen übrigen Wirbel- 
thieren unterscheiden. Das Gelenk, in welchem ihr Unterkiefer 
sich am Schläfenbein bewegt, ist ein Temporalgelenk, während das 
ursprüngliche Gelenk ihrer Reptilien- und Amphibien-Ahnen ein 
Quadratgelenk war. Dieses letztere ist bei den Mammalien in die 
Trommelhöhle hineingerückt und vermittelt hier die Verbindung 
der beiden ihnen eigen thümlichen Gehörknochen, Hammer und 
Amboss; der Hammer ist aus dem ursprünglichen Gelenkstück des 
Unterkiefers entstanden, der Amboss dagegen aus dem Quadratbein 
oder Kieferstiel der Reptilien- Ahnen. 

Aber abgesehen von diesen und anderen anatomischen Eigen- 
thümlichkeiten, welche allen Säugethieren gemeinsam sind und sie 
über alle anderen Wirbelthiere erheben, genügt zur Erkenntniss 
dieses Unterschiedes die Betrachtung eines einzigen Blutstropfens 
unter dem Mikroskop. „Blut ist ein ganz besonderer Saft!" 
Die kleinen rothen Blutzellen, welche, zu Milliarden angehäuft, die 
ro^^he Blutfarbe der Wirbelthiere bedingen, sind ursprünglich überall 
elliptische Scheiben, in der Mitte dicker (biconvex), da hier der 
Zellkern liegt. Nur bei den Säugethieren haben dieselben den 
Zellkern eingebüsst und erscheinen daher in der Mitte dünner 
(biconcav), als kleine, kreisrunde Scheiben. Diese und andere 
wichtige Eigenthümlichkeiten kommen sämmtlichen Säugethieren 
ohne Ausnahme zu, und unterscheiden sie von allen anderen 
Wirbelthieren ; in ihrer eigenthümlichen Vereinigung und Wechsel- 
beziehung können sie nur einmal im Laufe der Stammesgeschichte 
erworben und nur von einer Stammform auf alle Glieder der 
Classe durch Vererbung übertragen sein^®). 

Der ältere Theil unserer menschlichen Stammesgeschichte führt 
uns noch weiter hinab in das Gebiet der niederen Wirbel- 
thiere, in jenen dunkeln, unmessbar langen Zeitraum der 
paläozoischen Aera, dessen ungezählte Jahrmillionen (nach 
neuesten Schätzungen gegen tausend!) jedenfalls viel länger 
waren als das folgende mesozoische Zeitalter. Hier stossen wir 
zunächst auf die hochwichtige Thatsache, dass in dem jüngsten 



— 25 — 

Abschnitt der paläozoischen Periode, in der permischen Zeit, 
noch keine Säugethiere existirten, wohl aber lungenathmende 
Reptilien, als älteste Amnionthiere. Sie gehören theils zu den 
Tocosauriemj der ältesten und niedersten Reptiliengruppe, theils zu 
den seltsamen Theromerenj welche sich durch viele Merkmale den 
Säugethieren nähern. Diesen Reptilien gehen voraus in der älteren 
Steinkohlenzeit die echten Amphibien, und zwar die gepanzerten 
Stegocq^halen, Solche carbonische Panzerlurche, kleinen Crocodilen 
ähnlich, sind die ältesten Wirbelthiere , die sich der kriechenden 
Ortsbewegung auf dem festen Lande anpassten, und bei denen die 
Flossen der schwimmenden Fische und Fischlurche (Dipneusten) 
in die typische fUnfzehige Extremität der Vierfüsser (Tiß^apoden 
oder Quc^drupeden) umgebildet wurden. 

Wir brauchen bloss aufmerksam das Skelett der vier Beine von 
unseren Salamandern und Fröschen mit dem Knochengerüst unserer 
eigenen vier Gliedmaassen zu vergleichen, um uns zu überzeugen, 
dass schon bei jenen Amphibien dieselbe charakteristische und 
eigenthümliche Bildung besteht, die sich von ihnen auf alle Sauro- 
psiden und Mammalien durch Vererbung übertragen hat: derselbe 
Schultergürtel und Beckengürtel, derselbe einfache Röhrenknochen 
im Oberarm und Oberschenkel, dasselbe Knochenpaar im Vorder- 
arm und Unterschenkel, dieselbe verwickelte Knochenverbindung 
in Handwurzel und Fusswurzel, dieselbe typische Gliederung der fünf 
Finger und der fünf Zehen. Diese augenfällige Uebereinstimmung 
in dem gesammten Gefüge der Knochengerüsts bei allen höheren 
vierfussigen Wirbelthieren fiel schon vor mehr als hundert Jahren 
vielen denkenden Beobachtern auf; sie regte unter Anderen unseren 
grössten Dichter und Denker, Goethe, zu jenen merkwürdigeji Be- 
trachtungen über Morphologie der Thiere an, die wir geradezu 
als Vorläufer der modernen Ideen von Dabwin betrachten dürfen ®). 

Wir können in der That es als ein sicheres Zeichen der Ab- 
stammung des Menschen von ältesten fünfzehigen oder pentadac- 
tylen Amphibien bezeichnen, dass wir noch heute an unserer 
Hand fünf Finger besitzen, an unserem Fusse fünf Zehen. Der 
Mensch und die meisten Primaten (nicht alle!) haben in diesen 
und in anderen Beziehungen die ursprünglichen Bildungs-Ver- 
hältnisse durch conservative Vererbung viel getreuer bewahrt 
als die Mehrzahl der anderen Säugethiere, namentlich die Hufthiere. 
Unter letzteren sind z. B. einerseits die einzehigen Pferde, anderer- 
seits die zweizehigen Wiederkäuer viel stärker umgebildet und 
specialisirt als die fünfzehigen Herrenthiere. 

Die ältesten carbonischen Amphibien, die gepanzerten 
Stegocephalen (und speciell die merkwürdigen, von Cbedneb entdeckten 



— 26 — 

Branchiosaurier) werden jetzt wohl von allen urtheilsfähigen 
Zoologen mit vollem Rechte als die unzweifelhafte gemeinsame 
Stammgruppe aller Vierftisser (Tetrapoden oder Quadru- 
peden) betrachtet, aller Amphibien und Amnioten. Wo hat aber 
diese bedeutungsvolle Gruppe selbst ihren Ursprung genommen? 
Auch auf diese Frage haben uns die gewaltigen Fortschritte der 
modernen Paläontologie eine befriedigende Antwort ertheilt, und 
diese Antwort steht wiederum in schönstem Einklänge mit den 
älteren Ergebnissen der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. 
Schon vor vierunddreissig Jahren hatte in Jena der erste jetzt 
lebende Meister der vergleichenden Anatomie, Cael Gegenbaub, 
in einer Reihe von classischen Arbeiten gezeigt, wie die wichtigsten 
Skelettheile der Wirbel thiere, vor Allen Schädel und Gliedmaassen, noch 
heute in der Classenfolge der lebenden Wirbelthiere uns eine zu- 
sammenhängende Scala von phyletischen Entwickelungsstufen oflFen- 
baren. Von den tiefer stehenden Cyclostomen abgesehen, sind es vor- 
nehmlich die echten Fische, und unter ihnen wieder die Urfsche 
oder Selachier (Haifische und Rochen), welche in den wesent- 
lichen Verhältnissen des Körperbaues die ursprünglichste Bildung 
am getreuesten bewahrt haben. An die Selachier schliessen sich 
unmittelbar die Ganoiden oder Schmelztische an, besonders die 
Crossopierygter , welche uns zu den Dipneusten hinüber führen. 
Unter diesen ' letzteren ist neuerdings besonders der australische 
Ceraiodus bedeutungsvoll geworden, mit dessen Anatomie und Onto- 
genie uns Günther und Semon so genau bekannt gemacht haben. 
Von dieser Uebergangsgruppe der Dipneusten oder Lurchfische, 
d. h. Fischen mit Lungen, aber noch mit Flossen, ohne fünfzehige 
Gliedmaassen, ist die morphologische Brücke zu den ältesten Am- 
phibien leicht zu finden. Nun entsprechen aber dieser anatomischen 
Kette genau die paläontologischen Thatsachen: Selachier und Ga- 
noiden finden sich schon im Silur, Dipneusten im Devon, Amphibien 
im Carbon, Reptilien im Perm, Mammalien in der Trias. (Vergl. 
die Tabelle und Anm. 3 — 5, S. 36.) Das sind historische That- 
sachen ersten Ranges; sie bezeugen in erfreulichster Weise den 
Stufengang der Vertebraten-Entwickelung, wie er durch die ver- 
gleichend-anatomischen Arbeiten von Cüvier und Meckel, von 
Johannes Müller und Gegenbaur, von Owen, Huxley und Flower 
gewonnen worden ist. Die historische Succession der 
Hauptstufen des Wirbelthier-Stammes ist damit definitiv 
festgestellt, und dieser Gewinn ist für die Erkenntnis unseres 
menschlichen Stammbaums viel wichtiger, als wenn es gelungen 
wäre, in hundert fossilen Skeletten von Halbaffen und Affen die 



— 27 — 

ganze Serie unserer tertiären Primaten-Ahnen uns vollständig im 
Zusammenhang vor Augen zu führen. 



Viel schwieriger und dunkler ist der älteste Theil unserer 
Stammesgeschichte, die Ableitung des Wirbelthierstammes von einer 
Reihe wirbelloser Vorfahren. Da diese sämmtlich keine 
harten und versteinerungsfähigen Skelettheile besitzen (ebenso 
wie die niedrigsten Vertebraten, die Cyclostomen und Acranier), 
fällt hier das Zeugniss der Paläontologie gänzlich aus; wir sind 
allein auf die anderen beiden grossen Urkunden der Stammes- 
geschichte angewiesen, auf die vergleichende Anatomie 
und Ontogenie. Freilich ist aber deren Werth auch hier viel- 
fach so gross, dass sie für jeden sachkundigen und urtheilsßihigen 
Zoologen das hellste Licht auf viele grosse Züge unserer älteren 
Phylogenie werfen. Vor Allem gilt das von den weitreichenden 
Schlüssen, welche die moderne vergleichende Ontogenie mit Hülfe 
des biogenetischen Grundgesetzes seit dreissig Jahren 
gezogen hat. Schon die ältere Embryologie hatte durch die grund- 
legenden Arbeiten von Baer und Bischoff, von Remak und Kölliker, 
die Grundzüge der Vertrebraten-Entwickelung klar gelegt. Dazu 
kamen 1866 die wichtigen Entdeckungen von Kowalevsky, welche 
die Ahnung von Goodsir bestätigten und auf die nahe Verwandt- 
schaft der Vertebraten und Tunicaten hinwiesen ; die vergleichende 
Anatomie und Ontogenie des Araphioxus und der Ascidie 
wurde seitdem der feste Ausgangspunkt ftir alle weiteren Forschungen 
über unsere wirbellosen Vorfahren®). 

FünQährige Untersuchungen über Bau und Entwicklung der 
Kalkscbwämme (1867 — 1872) hatten mich zu jener Zeit zur Reform 
der Keimblättertheorie und zur Aufstellung der Gastraea- Theorie 
geführt; ihr erster Entwurf erschien 1872 in meiner Monographie 
der Kalkschwämme oder Calcispongien. Die wichtigste Unterstützung 
und fruchtbarste Fortbildung erhielten diese Anschauungen durch die 
ausgezeichneten vergleichenden Forschungen vieler anderer Embryo- 
logen, vor Allen von E. Ray-Lankester und von Francis Balfoür, 
sowie der Gebrüder Oscar und Richard Hertwig. Ich zog schon 
damals aus jenen vergleichenden Untersuchungen den Schluss, dass 
die ersten Stufen der embryonalen Entwicklung bei allen Metazoen 
oder gewebebildenden Thieren im Wesentlichen gleich sind, und 
dass wir daraus bestimmte Anschauungen über die gemeinsame 
Abstammung und die älteren Ahnenreihen derselben gewinnen 
können. Das einzellige Ei wiederholt den unicellaren Zustand der 
Protozoen- Ahnen ; die Keimform der Blastüla entspricht einer 
Volvox oder Magofiphaera ähnlichen Ahnenform; die Gastrula ist 



— 28 — 

die erbliche Wiederholung der Gastraea, der gemeinsamen Stamm- 
form sämmtlicher Metazoen. Alle diese typischen Ahnenformen 
theilen wir Menschen mit den übrigen Metazoen, d. h. mit allen 
anderen Thieren, ausgenommen die einzelligen Protozoen. Jeder 
Mensch ohne Ausnahme beginnt seine individuelle Existenz in Ge- 
stalt einer kugeligen Eizelle, die dem blossen Auge kaum als 
ein feines Pünktchen sichtbar ist, und die besonderen Merkmale 
dieser Eizelle sind beim Menschen genau dieselben wie bei allen 
übrigen Säuge thieren^®). 

Der dunkelste Theil unserer menschlichen Stammesgeschichte 
ist derjenige Abschnitt, welcher zwischen der Gastraea und dem 
Amphioocus liegt. Amphioxus selbst, der berühmte Lanzelot 
oder „das Lanzetthier", dessen fundamentale Bedeutung schon sein 
erster genauer Darsteller, der grosse Johannes Müller, erkannte, 
ist das unschätzbarste Document der Vertebraten-Phylogenie. Wir 
dürfen ihn zwar nicht direct als gemeinsamen Stammvater der- 
selben betrachten, wohl aber als einen nahen Verwandten desselben, 
und als einzigen lebenden Ueberrest der Acranier-Classe. Wären 
die Amphioxiden zufällig ausgestorben, gleich zahlreichen anderen 
Gliedern unserer Ahnenkette, so würden wir kaum im Stande sein, 
eine sichere Anschauung von den älteren Vorstufen der Vertebraten- 
Bildung zu gewinnen. Nach oben schliesst sich Amphioxus eng an 
die jugendliche Larve der Rundmäuler oder Oyclostomen an. 
Das sind die ältesten Schädelthiere (Oraniota), die ersten Wirbel- 
thiere, bei denen Schädel und Gehirn zur Ausbildung gelangten. 
Diese Cyclostomen (zu denen das bekannte Neunauge, Fetromyzon^ 
gehört) sind zugleich die präsilurischen Vorfahren der Fische. Nach 
unten hin deutet die üebereinstimmung in der Ontogenie des 
Amphioxus und der Ascidie auf eine unbekannte ältere Gruppe von 
Ch ordathieren , auf Prochordonier, aus denen einerseits die 
Mantelthiere , andererseits die W^irbelthiere hervorgingen. Diese 
Prochordonier oder „Ur-Chordathiere" selbst können wir in 
unserem modernen phyletischen System von den Frontoniern ab- 
leiten, einem Zweige der Vermalien oder der „Wurmthiere" 
im engeren Sinne. Der isolirt stehende Balanoglossus und die alten 
Ncmertinen dürften denselben nahe verwandt sein. Sicher hat 
zwischen diesen Wurmthieren und der Stammgruppe der Gastraeaden 
eine lange Reihe von Zwischenformen in cambrischer und lauren- 
tischer Zeit existirt, und wir vefmuthen, dass ältere Räder- 
thierchen (Rotatoria) und Strudelwürmer (Turbellaria) in 
jene Reihe gehörten. Aber sichere Hypothesen lassen sich zur 
Zeit darüber nicht näher begründen, und hier klaflft wirklich ein 
weiter leerer Raum in unserer menschlichen Stammesgeschichte. 



— 29 — 

Allein diesen und anderen dunkeln Abschnitten unserer Stammes- 
geschichte stehen jene klaren und bedeutungsvollen Aufschlüsse 
gegenüber, welche uns die reichen Ergebnisse der vergleichenden 
Anatomie, Ontogenie und Paläontologie innerhalb desWirbel- 
thierstammes geliefert haben, und vor Allem innerhalb seiner 
höchsten Klasse, der Säugethiere. Alle zuverlässigen neueren 
Forschungen haben hier übereinstimmend den Satz bestätigt, den 
schon Lamarck, Darwin und Huxlby als den wichtigsten Folge- 
schluss des Transformismus behaupteten, den Satz, dass die un- 
mittelbaren Placentalien-Ahnen des Menschen eine Reihe von tertiären 
Primaten waren, und die nächststehenden die Menschenaffen, die 
anthropom Orphon Catarrhinen. Die sorgfältige kritische Vergleichung, 
welche die beiden Zoologen Paul und Fritz Sarasin in ihren 
schönen „Forschungen auf Ceylon" (1893) durchgeführt haben, hat 
ergeben, dass die heute noch dort lebenden Weddas, die zwerg- 
haften ürbewohner Ceylons, in primitiven Verhältnissen des Körper- 
baues sich den Menschenaffen am meisten nähern, und dass unter 
diesen letzteren der Schimpanse einerseits, der Gorilla andererseits 
dem Menschen am nächsten steht ^^). Der Gibbon wiederum, als 
niedere und weniger specialisirte Form, zeigt die meiste Ueberein- 
stimmung mit den gemeinsamen miocänen Ahnen aller Anthropo- 
morphen. Diese directe Stammverwandtschaft ist viel klarer und 
sicherer zu begründen als diejenige vieler anderer Säugethiere. 
Viel dunkler und räthselhafter ist z. B. der Ursprung des Ele- 
phanten, der Sirenen und Cetaceen, der Eden taten (Gürtel thiere 
und Schuppen thiere) in beiden Hemisphären. Nicht allein in 
seinen fünfzehigen Händen und Füssen, sondern auch in anderen 
anatomischen Merkmalen hat der Mensch die ursprünglichen 
Charakterzüge seines Stammes durch Vererbung viel treuer be- 
wahrt als viele andere Säugethiere, z. B. die Hufthiere, Walthiere 
und Flederthiere. 

Die unermessliche Bedeutung, welche diese sichere Erkenntniss 
vom Primaten-Ursprung des Menschen für das Gesammt- 
gebiet menschlicher Wissenschaft besitzt, liegt klar vor den Augen 
jedes unbefangenen und consequenten Denkers. Unter den Philo- 
sophen hat ihren maassgebenden Einfluss auf die gesammte 
Weltanschauung Niemand eingehender begründet als der grosse 
englische Denker Herbert Spencer, einer der wenigen Gelehrten 
der Gegenwart, welcher die gründlichste naturwissenschaftliche 
Vorbildung mit der tiefsten philosophischen Speculation verknüpft. 
Spencer gehört zu jenen älteren Naturphilosophen, die schon vor 
Darwin in der monistischen Entwickelungslehre den Zauberschlüssel 
flir die Lösung des Welträthsels erkannten. Er gehört auch zu 



— 30 — 

jenen Evolutionisten, welche mit Recht das grösste Gewicht auf die 
progressive Vererbung legen, auf die vielbestrittene „Ver- 
erbung erworbener Eigenschaften." Wie ich selbst, so hat auch 
Spengeb von Anfang an auf das Entschiedenste die Keimplasmatheorie 
von Weismann bekämpft, welcher jenen wichtigsten Factor der 
Stammesgeschichte leugnet und dieselbe ausschliesslich durch die 
„Allmacht der Selection" erklären will. In England hat die Theorie 
von Weismann vielen Beifall gefunden und ist auch als „Neo- 
Darwinismus" bezeichnet worden, im Gegensatze zu unserer 
älteren Auffassung des Entwickelungsprocesses , als „Neo-La- 
marckismus". Diese Bezeichnung ist völlig unberechtigt; denn 
Charles Darwin war von der fundamentalen Bedeutung der pro- 
gressiven Vererbung ebenso felsenfest überzeugt wie sein grosser 
Vorgänger Jean Lamarck und wie Hürbert Spencer. Ich hatte 
drei Mal das Glück, Darwin in Down besuchen zu dürfen, und 
jedes Mal haben wir über diese Hauptfrage unsere übereinstimmenden 
Ansichten ausgetauscht. Ich theile die üeberzeugung von Herbert 
Spencer, dass die „progressive Vererbung" ein unentbehr- 
licher Factor der monistischen Entwickelungslehre ist und eines 
ihrer wichtigsten Elemente. Wenn man dieselbe mit Weismann 
leugnet, dann flüchtet man zum Mysticismus, und dann ist es besser, 
die mysteriöse „Schöpfung der einzelnen Arten" anzunehmen. 
Gerade die Anthropogenesis liefert dafür unzählige Beweise. 

Wenn wir dein heutigen Stand der Anthropogenie vom allge- 
meinsten Gesichtspunkt aus betrachten und alle empirischen Argu- 
mente derselben zusammenfassen, dann dürfen wir heute mit vollem 
Rechte sagen: Die Abstammung des Menschen von einer 
ausgestorbenen tertiären Primaten-Kette ist keine 
vage Hypo these mehr, sondern sie ist eine historische 
Thatsache. Natürlich lässt sich diese Thatsache nicht exact 
beweisen; wir können nicht alle die unzähligen physikalischen und 
chemischen Processe nachweisen, welche im Laufe von mehr als 
Hundert Jahrmillionen allmälig vom einfachsten Monere und 
von der einzelligen Urform bis zum Gorilla und zum Menschen 
hinauf geführt haben ^^). Aber dasselbe gilt auch von allen anderen 
historischen Thatsachen. Wir glauben Alle an die einstmalige 
Existenz von Linnjö und Laplaoe, von Newton und Luther, 
von Malpighi und Aristoteles, obwohl dieselbe sich nicht exact 
beweisen lässt im Sinne der modernen Naturlehre. Wir glauben 
fest an die Existenz dieser und vieler anderer Geisteshelden, weil 
wir ihre hinterlassen en Werke kennen, und weil wir die gewaltigen 
Wirkungen derselben in der Culturgeschichte sehen. Diese in- 
directen Argumente besitzen aber keine stärkere Beweiskraft 



— 81 — 

als diejenigen, die wir vorher für die Vertebraten-Geschichte des 
Menschen in Anspruch genommen haben. 

Von vielen mesozoischen Säugethieren der Juraperiode kennen 
wir nur einen einzigen Knochen, den Unterkiefer, und Hüxlby hat 
sehr schön die Ursachen dieser seltsamen Erscheinung aufgeklärt. 
Wir nehmen Alle als sicher an, dass diese Säugethiere auch noch 
Oberkiefer und andere Knochen besassen, obwohl wir es nicht sicher 
beweisen können. Die sogenannte „exacte Schule" hingegen, welche 
die Transformation der Arten als unbewiesene Hypothese betrachtet, 
muss annehmen, dass der Unterkiefer der einzige Knochen im Leibe 
jener merkwürdigen Thiere war. 

Lassen Sie uns schliesslich noch einen flüchtigen Blick in die 
nächste Zukunft thun! Ich bin fest überzeugt, dass die Wissen- 
schaft des zwanzigsten Jahrhunderts unsere Entwicklungslehre nicht 
allein allgemein annehmen, sondern als die bedeutungsvollste Geistes- 
thflt unserer Zeit feiern wird. Denn die leuchtenden Strahlen dieser 
Sonne haben die schweren Wolken der Unwissenheit und des 
Aberglaubens zerstreut, welche bisher undurchdringliches Dunkel 
über das wichtigste aller Erkenntniss-Probleme verbreiteten, über 
die Frage vom Ursprung des Menschen, von seinem wahren 
Wesen und von seiner Stellung in der Natur. Der unberechenbare 
Cinfiuss der natürlichen Anthropogenie auf alle andern Zweige der 
Wissenschaft und der Cultur überhaupt wird die segensreichsten 
Früchte tragen. Das grosse Werk, das in unserem Jahrhundert 
LiAMABOK begonnen und Darwin vollendet hat, wird für alle Zeit 
eine der grössten Eroberungen des Menschengeistes bleiben; und 
die monistische Philosophie, welche wir auf ihre Ent- 
wicklungslehre gründen, wird nicht nur die Erkenntniss der natür- 
lichen Wahrheiten mächtig fördern, sondern auch ihre praktische 
Verwerthung im Dienste des Schönen und des Guten! Die feste 
empirische Grundlage dieses Monismus liefert aber die moderne 
phylogenetische Zoologie. 



Wissenschaftliche Anmerkungen, 
Erläuterungen und Tabellen. 



'eckel, Ur»pruDg de* Mf:D«cL«iD. g 



— 34 — 



1. System der Primaten. 

(NB. + bedeutet ausgestorbene Formen , — V noch lebende Gruppen , — die hypothetische 
Stammform. Vgl. meine Natürliche Schopfungsgeschichte, IX. Aufl. 1898, Vortrag 27; 

Anthropogenie, IV. Aufl. 1891, Vortrag 23.) 



Ordnungen 



Unterordnungen 



Familien 



Gattungen 



I. 

Prosimiae 

Halbaffen 

(Eemipt'iheci vel 

Lemures) 

Orbita von der Tem- 
poral - Grube durch 
einen Knochenbogen 
unvollstftndig ge- 
trennt. Uterus du- 
plex oder bicomis. 
Plaoenta diffusa in- 
decidua (meistens!). 
Grosshim relativ 
klein, glatt oder 
schwach gefurcht. 



1. Lemuravida 

(Palalemures) 

Alte Halbaffen 
(Generalisten) 

Ursprflnglich Krallen 
an allen oder den 
meistenFingem, spä- 
ter Uebergang zur 
Nagelbildung. Tar- 
sus primitiv. 

2. Lemurogona 
(Neolemi*res) 

Moderne Halb- 
affen 
(Specialisten) 

Gewöhnlich alleFinger 
mit Nägeln (ausge- 
nommen die zweite 
Hinterzehe). Tarsus 
modificirt. 



1. Paohylemnres + 

(Hyopsodina) 

Dent, (44)»|-:|:|.:| 
Primitive Dentur 

2. Neorolemnres -f 
(Anaptomorpha) 

Dent. (40) = |.:^:|.:|- 

Reducirte Dentur 

8. Autolemnres V 

(LemtMrida) 

Dent. (86) = |-:-J-:|.:|. 
Specialisirte Dentur 

4. Chirolemures V 

(Chiromyida) 

Dent. (i8) = -|-:{^:^:|. 

Bodentien-Dentur 



Archiprima» 
Lemurawus 

Alt-Eocän 
* PelyeodtM 

Alt-Eooin 
Etfopsodus 

Jung-Eoc&n 



o 

4- 






Adapis -J- 

\PUsiadafri8 -f- 

Necrdemur -f- 






(EtUemur 
Hapalemur 
Lept'lemur 
Nyciicehus 
Stenops 
Oalago 



1 



ICfiiromya 
(Krallen an al- 
lenFingern, ex- 
cepto Halluce) 



n. 

Simiae 

Affen 

(Ftthed vel Pithecales) 

Orbita von der Tem- 
poral - Grube durch 
ein Knochen-Septum 
vollständig getrennt. 
Uterus Simplex, py- 
riformis. Placenta 
discoidea, deciduata. 
Grosshirn relativ 
gross, stark gefurcht. 



8. Platyrrhinae 
Plattnasige 

Affen 

Hesptropiffieca 

Westaffen 

(Amerika) 

Nasenlocher seitlich, 
mit breitem Septum. 
3 Praeniolaren. 



4. Catarrhinae 

Schmalnasige 

Affen 

Eopitheca 

Ostaffen 

(Arctogaea) 

Europa, Asien u. Afrika 

Nasenlöcher vorn, mit 
schmalem Septum. 
2 Pruemolaren. Nägel 
an allen Fingern. 



( 5. Arotopitheoa V 
Dent. (32)= f I^.*^:? 
Nur am Hallux ein Nagel 



6. Dysmopitheoa V 
Dent. (36) = ? t-f.'-j-.' y 
Nägel an allen Fingern 



7. Cynopitheoa V 
Dent.(32) = |-:-|-:2:| 

Meist mit Schwanz und 
Backentaschen. Kreuz- 
bein mit 3 oder 4 Wirbeln. 



Dent. (32)= 2.^. 



8. Anthropomorpha V 

2 -T 

Ohne Schwanz und ohne 
Backentaschen. Kreuz- 
bein mit 5 Wirbeln 



r 



HapaU 
Mt'das 



CaütihHx 
NycUpiöiectu 

Mycetes 
Ateles 



CynocephaiiM 
CercopiOiecu» 
Ihuus 

Semnopi^ficut 

Colohus 

^NasaUs 

Hylcibates 

Satyrug 

Pliopititecus 

Gorilla 



< 



Anthropithtctu 



Dryopithecus 

PitIiecanihrop%u 
Momo 



35 — 



2. Stammbamn der Primaten. 



Anthropomorpha 

Anthropilu 
Anthropoides afi*icanae Homo Anthropoides asiatioae 

^ IIS . / ^ 

sapiens 



Anthropithecus 
aoriUa Schimpanse 
gina 



Homo 
stupidus 




Satyrus orang 



Hylobates 
agilis 



Diyopithecus 
fontani 



Pithecanthropus 
alalus 



Flatyrrhinae 



Dysmopithooa 
Mycetes 




Pliopithecus 
antiquus 



Catarrhinae 

Oynopitheoa 
Semnopithecus 



Ateles 



Prothylobates 
atavus 



Areiopitheea 
Hapalida 



Papiomorpha 
PTnocephsdida 




Iiemuravida 

J^rotimtae generäUttae 



Lemurogona 

FroHmiae speeialistae 



Anapto morpha 



Necrolemures 



Adapida 



Archipitbecos 




Tarsolemures 
(Tarsins) 



Neorolemores 

Antolemnres 



Cbirolemores 
(Chiromys) 



[TT n g u 1 a t a] 



Lemaravida 



Paohylemores 



[Carnassia] 



Archiprimas 

Proohoriata 



- 36 — 

8A. Progonotaxis des Menschen 9 Erste Hälfte; 

Aeltere Ahnen-Reihe, ohne fossile Urkunden, vor der Silur-Zeit. 



Haupt- 
Stufen. 



Stammgruppen 
der Ahnen -Belhe 



Lebende Verwandte 
der Ahnen-Stufen 



Palä- 
onto- 
logie 


Onto- 
genie 



Mor- 
pho- 
logie 



1. — 5. Stufe: 

Protisten- 
Ahnen 

Einzellige 
OrgaDismen 

1—2: 
Plasmodoxne 
Protophyten 

3—5: 

Plasmophage 

Protozoen 



1 



1. Monera 
(Plasmodoma) 
Ohne Zellkern 

2. Algaria 
Einzellige Algen 

Mit Zellkern 

8. XfObosa 

Einzellige (Amoebine) 

Bhizopoden 

4. Infusoria 

Einzellige 
Infnsionsthiere 

5. Blastaeades 

Vielzellige Hohlkugeln 
(Goenobia) 



1. Chromaoea 

(Chroococct*8) 
Phycochromacea 

2. Faulotomea 

Palmtüacea 
Eremosphnera 

3. Amoebina 

Ämoeba 
Leucocffta 

4. Flagellata 

Euflagellata 
Zoomonades 

5. CataUacta 

Magosphaera, Yolvocina 
BlastuJa! 



IP 



IP 



II 



MI 



n 



n 



m 



6.-11. stufe: 

'Wirbellose 

Metazoen- 

Ahnen 

6-8 

Coelenterien, 

ohne After und 

Leibeshohle 

0—11: 
Vermalien« 
mit After und 
mit Leibes- 
höhle 



6. Gastraeades 

Mit zwei Keimblfittern 

Urdarmthiere 

7. Piatodes I 

PUitodaHa 
(Ohne Nephridien) 

8. Flatodes II 

Platodinia 
(Mit Nephridien) 

9. Provermalia 

(ürwurmthiere) 

Botaiorm 

10. Frontonia 

(Shynchehm'nthes) 

Btlsselwürmer 

11. Frochordonia 

Chordawürmer 

Mit Chorda! 



6. Gastrula 

Hydra, Olyntlius 

OrthonecUda 

7. Cryptoooela 
(Convoluta) 
(Proporus) 

8. Bhabdoooela 

(Vortex) 
(Moftoius) 

9. Gastrotrioha 

Trochozoa 
Trochophora 

10. Snteropneusta 
Balanoglo88us 
Cephalodücus 

11. Copelata 

Äppendicaria 

Chordula-Larven ! 






IM 





P 





P 





P 





P 





M 



m 



12.— 15. Stufe: 

Monorrhinen- 
Ahnen 

Aelteste 
Wirbelthiere, 
ohne Kiefer und 
ohne paarige 
Gliedmaassen, 
mit unpaarer 
Nasenbildung 



/ 



12. Acrania I 
Aeltere Schädellose 

(Prospondylia) 

13. Acrania II 

Jüngere Schädellose 

14. Cyolostoma I 
Aeltere Rundmäuler 

(Archicrania) 

15. Cydostoma II 
Jüngere Rundmäuler 



12. Larven von 
Amphiozus 

13. Leptocardia 

Amphioxus 

(Lanzelot) 

14. Larven von 
Petromyzon 

15. Marsipobranohia 

Myxinoides 

Petromyzontes 



O 
O 



MI 
I 

IM 



n 
m 



in 



— 87 — 

SB. Progonotaxis des Menschen^ Zweite Hälfte: 

Jüngere Ahnen-Beihe, mit fossilen Urkunden, im Silur beginnend. 



Perioden der 
Brdfi^esoliiolite 



Stammgruppen 
der Ahnen -Beilie 



Lebende Verwandte 
der Ahnen- Stufen 



Palä- 
onto- 
logie 



Onto- 
genie 



Mor- 
pho- 
logie 



Silurisohe 
Periode 

Silurische 
Periode 

Devonische 
Periode 

Carbonische 
Periode 

Permische 
Periode 



16. Selachii 
Urfische 
Proseluchii 

17. Ganoides 
Schmelzfische 

Proganoidex 

18. Dipneusta 
Lurch fische 
Paladipneusta 

19. Amphibia 
Lurche 

SteffOcephcUa 

20. Beptilia 

Schleicher 

Proreptt'lia 



16. Notidanides 

Chlamydoselachus 

Heptanchus 

17. Acoipenserides 

(Störfisohe) 
Polypterus 

18. 19*60 dipneusta 

Oeratodus 
Protopterus 

19. Phanerobranchia 

Salamandrina 
(Proteus, Triton) 

20. Bhynchocephalia 

Ureidechsen 
Haüeria 



s 



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I! 



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!I 



m 



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II 



III 



n 



Trias- 
Periode 
(Mesoz. I) 

Jura- 
Periode 
(Mesoz. U) 

Kreide- 
Periode 
(Kesoz. III) 



'- ' Alt-Sooän- 
Periode 



r:- 



jTea-Eooän- 
Periode 

Oligooän- 
Periode 

Alt-Kiocän- 
Periode 

XTeu-Miocän- 
Periode 

Plioo&n- 
Periode 

Pleistocän- 
Periode 



21. Monotrema 
Oabelthiere 
Promammftlia 

22. Marsupialia 
Beutelthiere 

ProdidelpMa 

23. Mallotheria 
Urzottenthiere 

Prochoriata 



2 1 . Omithodelphia 

Echidna 

Ornithorhynchua 

22. Didelphia 
Didelphys 
Perameles 

28. Insectivora 

Erinaceida 
(Ictopsida 4-) 



H 


!1! 


H 


II 


» 


I 



24. Lemuravida 
Aeltere Halbaffen 

Dent. 8. 1. 4. 3. 

25. Lemurogona 
Jüngere Halbaffen 

Dent. 2. 1. 4. 8. 

26. Dysmopitheca 

Westaffen 

Dent. 2. 1. 3. 8. 

27. Cynopitheca 

Hundsaffen 

(geschwänzt) 

28. Anthropoides 
Menschenaffen 

(schwanzlos) 

29. Pithecanthropi 
Affenmenschen 

(A.lali, sprachlos) 

30. Homines 
(Loquaces, sprechend) 



24. Pachylemures 

(H^opsodus -\-) 
(Adapia 4-J 

25. Autolemures 

Eulemur 
Stenops 

26. Platyrrhinae 

(Anthropops +) 

{Homunculus +) 

27. Papiomorpha 

Papstaffen 

Cynocephalus 

28. Hylobatida 

Uylobates 
Anthropithecug 

29. Anthropitheoa 

Schimpanse 

Gorilla 

30. "Weddales 
Australneger 



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H 


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III 


H 


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II 



II 



n 



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III 



m 



— 38 — 

4« Erlänterung der Progonotaxis des Menschen. In den vor- 
stehenden Tabellen ist neben jeder Stufe der Ahnenreihe (1. — 30.) rechts die- 
jenige Gruppe von lebenden Organismen der Gegenwart angegeben, welche 
die nächsten Verwandten der hypothetischen Ahnen enthält. In den drei 
schmalen Spalten daneben (rechts) ist von jeder der drei phylogenetischen 
Urkunden der relativeWerth angedeutet, welchen dieselbe (bei dem gegen- 
wärtigen Zustande unserer empirischen Kenntnisse) für die Begründung der 
betreffenden phyletischen Hypothese besitzen dürfte. In der ersten Spalte: 

Paläontologische Urkunde, bedeutet: 

gänzlichen Mangel an versteinerten Resten, 
H dass dieselben selten und unbedeutend, 

jlj dass sie in massiger Fülle bekannt und wichtig, 

H dass sie reichhaltig und bedeutungsvoll sind. 

Ontogenetische Urkunde (zweite Spalte), bedeutet: 

P dass ihr phylogenetischer Werth zweifelhaft, 

! dass er gering oder vieldeutig, 

!! dass er bedeutungsvoll, und endlich 

!!! dass er höchst wichtig und lehrreich ist. 
Morphologische Urkunde (dritte Spalte), bedeutet: 

1 dass die vergleichende Anatomie nur wenig, 
H dass sie viel historische Auskunft giebt, 

dass sie sehr viel über die Phylogenie aussagt. 



I 
I 



5« (S. 34.) Kritik der Progonotaxis. Wenn die Descendenz-Theorie 
wahr ist — wie jetzt allgemein von sachkundigen Naturforschern angenommen 
wird — , dann stellt sie unstreitig der systematischen Naturgeschichte die 
schwierige Aufgabe, die Stamm Verwandtschaft der kleineren und grösseren 
Gruppen der organischen Formen zu enträthseln; die Aufgabe des natür- 
lichen Systems der Formen wird dadurch zur hypothetischen Begründung 
des Stammbaums. Die ersten Versuche, die ich selbst in dieser Richtung 
seit 1866 unternommen habe, stiessen auf fast allgemeinen Widerstand; und 
auch die vielen Verbesserungen jener unvollkommenen Versuche, welche ich 
in den verschiedenen Auflagen meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte und 
Anthropogenie unternahm, fanden zuerst wenig Beifall. Seit, zwanzig Jahren 
hat sich das gewaltig geändert; zahlreiche Zoologen und Botaniker sind seit- 
dem erfolgreich bemüht, die Stammverwandtschaft der von ihnen speciell 
studirten Formengruppen zu erkennen und als brauchbarsten Ausdruck der- 
selben hypothetische Stammbäume zu entwerfen. Ich darf jetzt wohl hoffen, 
dass der umfassendste derartige Versuch, den ich (1894 — 96) in den drei Bänden 
meiner systematischen Phylogenie ausgeführt habe, sich allmählich Geltung ver- 
schaffen und fruchtbar erweisen wird. 

Indessen gerade der wichtigste aller Stammbäume, derjenige des Menschen, 
scheint der Mehrzahl der Naturforscher — und namentlich den sogenannten 
„Anthropologen" — das meiste Bedenken einzuflössen. Die eingehende kri- 
tische Begründung desselben, welche ich in der „Anthropogenie" besonders 
durch die ausführliche Phylogenie aller einzelnen Organsysteme zu geben 
suchte, hat sehr wenig Beachtung gefunden. Ich benutzte daher jetzt die Ge- 
legenheit dieses Vortrages, um in Cambridge in Gegenwart vieler Sachkun- 
diger diesen überaus wichtigen Gegenstand der ernsten anthropologischen 
Forschung nochmals vom Standpunkte der phylogenetischen Zoologie zu be- 
leuchten und die „Progonotoods hominis" in verbesserter Form zu erläutern. 



*:■. 



■•■ • V ■ 



— so- 
lch wiederhole hier ausdrücklich meine alte Erklärung, dass es mir niemals 
einge&Uen ist, die Entwürfe meiner Stammbäume als fertige Dogmen hin- 
zustellen, sondern stets nur als heuristische Hypothesen, welche un- 
begrenzter Verbesserung fähig sind, entsprechend den unbeschränkten Fort- 
schritten unserer empirischen Kenntnisse. 

Die dreissig wichtigsten Stufen unserer Ahnenreihe, welche 
gegenwärtig in der Progonotaxis des Menschen unterschieden werden können, 
sind in der vorstehenden Tabelle auf zwei Hälften vertheilt. 

Beide Abschnitte unserer Stammesgeschichte sind in Bezug auf Sicher- 
heit der empirischen Begründung dadurch wesentlich verschieden, dass in der 
jüngeren Hälfte (Stufe 16—30) alle drei Urkunden der Phylogenie verwendet 
werden können. Dagegen fehlen in der älteren Hälfte (Stufe 1 — 15) die 
paläontologischen Urkunden gänzlich, weil der weiche und skelettlose Körper 
dieser älteren Ahnen der Versteinerung nicht fähig war; hier sind wir ledig- 
lich auf die beiden anderen Urkunden angewiesen, die vergleichende Ana- 
tomie und Ontogenie. Es sind daher auch nur in der jüngeren Hälfte (16— 80) 
die einzelnen Perioden der organischen Erdgeschichte angegeben, aus welchen 
uns fossile Beste unserer Ahnen erhalten sind, von der^ Silurzeit an (16, 17) 
bis zur Gegenwart (30). Dagegen fällt die Entwicklung und Existenz der 
alteren Ahnenstufen (1 — 15) in jenen unendlich langen präsilurischen 
Zeitraum, während dessen die mächtigen Gebirgsmassen der archäischen oder 
archozoischen Perioden abgelagert wurden, die krystallinischen Schiefer der 
laurentischen, huronischen, algonkischen und cambrischen Formationen. Die un- 
ermessliche Länge der ungeheuren Zeiträume, während welcher diese Sediment- 
Gebirge aus den Wassern abgesetzt wurden, wird gegenwärtig von den meisten 
Geologen mindestens auf hundert Millionen Jahre annähernd ge- 
schätzt. Davon fällt wahrscheinlich die grössere Hälfte auf die archozoisclie 
(präsilurische) Zeit, etwa 52,000 bis 55,000 Jahrtausende, die kleinere Hälfte 
auf die Folgezeit (vom Silur bis zur Gegenwart), etwa 45,000 — 48,000 Jahr- 
tausende. Vgl. Anm. 20, S. 51. 

Die 30 aufgeführten Ahnenstufen vertheilen sich auf drei verschiedene 
Hauptgruppen; die 5 ersten (1.— 5.) gehören zum Reiche der Einzelligen, der 
Protisten; die 6 folgenden (6. — 11.) zum Reiche der wirbellosen Metazoen, die 
19 folgenden (12. — 30.) zum Stamme der VertebratenJ 

Die Protisten-Ahnen (Stufe 1—5) beginnen mit plasmodomen Proto- 
phyten (1. und 2.); diese müssen noth wendig den plasmophagen Protozoen 
(3. — 5.) vorausgegangen sein. Die ältesten aller Organismen waren kernlose 
Piastiden, gleich den Moneren (1.)« Erst später entstanden aus diesen echte 
kernhaltige Zellen (2. — 4.); zunächst wahrscheinlich Algarien (oder „einzellige 
Algen"), dann aus diesen durch Metasitismus einzellige Urthiere, Amöben 
oder ähnliche Rhizopoden, oder einfache Infusorien (vgl. Systemat. Phylogenie, 
Bd. I, 1894, S. 44). Durch Association vieler Protozoen bildeten sich 
Coenobien oder Zell vereine, von jpner charakteristischen Form der Hohlkugeln, 
welche sowohl die ^?as*t*7a-Keime von vielen niederen Metazoen vorübergehend 
zeigen, als auch die permanenten Zellgemeinden der Volvocinen und Catällacten, 

Die Invertebraten-Ahneni, die wirbellosen Metazoen (Stufe 6 — 11), 
beginnen mit den Gasträaden (6.) und enden mit den Prochordoniern .(11.). 
Die phyletische Bedeutung der ersteren wird klar durch die Keimform der 
Gastrula, diejenige der letzteren durch die Keimform der Chordula bewiesen. 
Wie nochf heute die Gastnda aller Metazoen aus einer Blastula entsteht, so 
ist ursprünglich ihre gemeinsame Stammform, die Gasträa, aus emer Blastäa 
(ähnlich Volvox oder Magosphaera) hervorgegangen. Ebenso liefert am an- 



— 40 — 

deren Ende dieser Reihe die Homologie der Chordnla bei sämmtlichen 
Wirbelthieren und Mantelthieren den Beweis för den gemeinsamen Urspmng 
dieser beiden Stamme aus einer Prochordonter 'Form (nächstverwandt den 
Copelaten: Appendicaria) (vgl. Anthropogenie, 4. Aufl., 1891, S. 231, 508). Da- 
gegen ist es zur Zeit noch eine sehr schwierige Aufgabe, die weite Lücke 
zwischen den Gasträaden (6.) und den Prochordoniem (11.) durch eine Kette 
von phjle tischen Entwicklungsstufen befriedigend hypothetisch auszufallen. 
Dieser Abschnitt ist der dunkelste in der Phylogenie des Menschen, wie der 
Wirbelthiere überhaupt. Wir können zwar ziemlich sicher behaupten, dass die 
zahlreichen ausgestorbenen Ahnen dieser Invertebratenkette theils zu den 
Platoden (7., 8.), theils zu den Vermal ien (9.— 11.) gehört haben werden. 
Aber bestimmtere Anschauungen über die einzelnen Progonen-Stufen dieser 
Kette und über ihre Verwandtschaft mit heute noch lebenden nächsten Ver- 
wandten können wir uns zur Zeit noch nicht mit befriedigender Sicherheit 
und Klarheil bilden. 

Die Vertebraten-Ahnen (12.— 30. Stufe) können wieder in drei 
Gruppen getheilt weTden: 1, Monorrhinen {12. — 15.), IL Anamnienl {Iß. — 20.) 
und III. Mammälien {21.— SO). Die erste Gruppe, die Monorjrhinen, werden 
nur durch zwei kleine, aber höchst wichtige^ Classen repräsentirt, die 
Acramer (Amphioxus) und die Cyclostomen (Myxinoiden und Peti-omyzonten). 
Diese ältesten Wirbelthiere besitzen noch kein Kalkskelett, weder in der 
Hautdecke, noch in der Chordascheide. Ihr Nasenrohr ist unpaar. Es fehlen 
ihnen noch Kiefer, Rippen und paarige Gliedmaassen. Die jugendlichen 
Larven beider Classen sind von den erwachsenen sehr verschieden und 
liefern wegen ihrer palingenetischen Organisation wichtige Anhaltspunkte zur 
hypothetischen Beconstruction einer Anzahl von Zwischenstufen, welche die 
weite Lücke zwischen den Prochordoniem (11.) und den Selachiem (16.) aus- 
füllen. Es lassen sich daher in der Monorrhinen-Kette mindestens vier Ahnen- 
Stufen deutlich unterscheiden: jüngere und ältere Formen sowohl von Acraniem, 
als von Cyclostomen. 

Die Anamnien-Ahnen oder die Ichthyopsiden (16. — 23.) bilden jene 
Ahnengruppe unseres Stammes, welche in dem langen Zeitraum von der 
Silurzeit'' bis zum Ende des paläozoischen Zeitalters (oder bis zum Beginn der 
Triasperiode) gelebt haben. Als drei charakteristisch^ Classenformen dieser 
wichtigen Mittelgruppe erscheinen uns hier die Fische, Amphibien und Rep- 
tilien. Schon die ältesten Fische, die silurischen Proselachier, zeigen jene 
charakteristische und verwickelte Organisation, welche allen Kiefermäulem 
oder Gnathostomen gemeinsam ist, allen Wirbelthieren von den Fischen 
aufwärts bis zum Menschen. Sie alle besitzen ein Paar Nasenhöhlen 
{Afjiphirrhina), Kalkbildungen im Skelett, Kippen, Kiefer und paarige Glied- 
maassen (vordere und hintere Extremitäten). Auf die ältesten ürfische 
(Selachn, 16.) folgen im Silur die Schmelzfische {Ganoides, 17.), dann im Devon 
die Lurchfische [Dipneusta, 18.j, im Carbon die Lurche {Amphibiay 19.) und im 
Perm die ältesten Reptilien (Froreptilia, 20). Die thatsächliche historische 
Reihenfolge, in welcher sich die Versteinerungen dieser Anamnien-Classen in 
den paläozoischen Formationen vorfinden, entspricht voUkommenJd er phyletischen 
Reihenfolge, durch welche sie die vergleichende Anatomie und Ontogenie zu 
einer successiven Ahnenkette verknüpft. 

Die Mammälien -Ahnen (21.-30.) bilden den letzten und in vieler 

Beziehung interessantesten Abschnitt unserer thierischen Vorfahrenkette. 

Gerade in diesem bedeutungsvollen Theile unserer Progonotaxis sind wir 

jetzt zu einer völlig befriedigenden Klarheit und Sicherheit gelangt, dank 



- 41 ~ 

deii mächtigen Fortschritten, welche die Paläontologie, die vergleichende 
Anatomie und Ontogenie der Säugethiere in den letzten Dccennien gemacht 
hat. Alle drei Urkunden beweisen übereinstimmend erstens die phyletische 
Einheit der Mammalien-Classe und zweitens die historische Succession 
ihrer drei natürlichen ünterclassen : a. der eierlegenden Monotremen 
{Pautoth^rieii in der Trias, 21.), b. der implacentalcn Marsupialien {Amphi- 
therieii im Jura, 22.), c. der höchstentwickelten Placentalicn (Mallotherien 
in der Kreide, 23.). Innerhalb der Tertiärsseit (deren Länge wahrscheinlich 
mehr als drei Millionen Jahre betrug) hat sich der Stamm der Zottenthiere 
oder Piacentalien zu mächtiger Blüthe entwickelt; für unsere directe Ahnen - 
reihe ist nur einer seiner vier Hauptäste von Bedeutung, derjenige der Pri- 
maten (24.-30.). 

6. (S. 6.) Lamarck (1809) und Darwin (1859). Ueber das Verhält- 
niss von Chables Darwin zu seinen Vorgängern — besonders Lamahck und 
Goethe — vgl. meine Rede über „Die Naturanschauung von Darwin, Goethk 
und Lamarck, Vortrag auf der 55. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte, gehalten zu Eisenach am 18. September 1882." (Jena, G.Fischer). — 
Ferner die Rede von Arnold Lang: „Zur Charakteristik der Forschungswege 
von Lamarck und Darwin", Vortrag, gehalten in Jena am 29. Juni 1889, ent- 
sprechend den Bestimmungen der Paul von Ritter'schen Stiftung für phylo- 
genetische Zoologie (Jena, G. Fischer). — Ueber die Beziehungen von Charles 
Darwin zu seinem Grossvater Erasmus Darwin vgl. Ernst Krause, Charles 
Darwin und sein Verhältniss zu Deutschland (Leipzig, Ernst Günther, 1885). — 
Femer: Leben und Briefe von Charles Darwin, mit einem seine Autobio- 
graphie enthaltenden Capitel. Herausgegeben von seinem Sohn Francis Darwin. 
3 Bände (Stuttgart 1887). 

7. (S. 7.) Anthropologie und Zoologie. Der Begriff der Anthro- 
pologie wird — ähnlich wie derjenige der Zoologie — noch heute in sehr 
verschiedenem umfang und Inhalt definirt. Ich habe schon vor 32 Jahren 
(im siebenten Buche meiner „Generellen Morphologie", im 28. Capitel) zu zeigen 
mich bemüht, dass die wahrhaft wissenschaftliche Anthropologie nur ein 
Theil der Zoologie ist, und dass daher das Studium der ersteren die 
KenntnisB der letzteren voraussetzt. Nur die bewährten Methoden der kri- 
tischen Vergleichung der verwandten Erscheinungen und der Ent- 
ivicklungsgeschichte können uns das wahre Verständniss des Organismus 
— ebenso beim Menschen, wie bei allen anderen Thieren — erschliessen. Es 
erscheint nothwendig, auch bei dieser Gelegenheit wieder auf diese unentbehr- 
lichen Fundamente der wissenschaftlichen Menschenkunde hin- 
zuweisen, weil die herrschende scholastische Anthropologie (ähnlich wie die 
überlebte metaphysische Psychologie) dieselben hartnäckig ignoriert. Sehr auf- 
fallend zeigt sich dieser Anachronismus z. B. in den Verhandlungen und 
Schnften der „Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Ur- 
geschichte". Sie steht noch überwiegend im Banne der dogmatischen und 
veralteten Ansichten von Virchow, Bänke, Bastian, His u. s. w. 

8. (S. 7.) Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des 
Menschen. I. Theil: Keimesgeschichte. II. Theil: Stammes- 
geschichte. 4. Aufl. Mit 20 Tafeln, 440 Holzschnitten und 52 genetischen 
Tabellen. Leipzig 1891. In diesem Werk habe ich (1874) den ersten und bis 
jetzt einzigen Versuch unternommen, den zoologischen Stammbaum des 



— 42 — 

Menschen im Einzelnen kritisch zu begründen und die ganze tbierische 
Abnenreihe unseres Geschlechts unter gleichmässiger Berücksichti- 
gung aller drei phylogenetischen Urkunden eingehend zu erörtern. 
In der wissenschaftlichen Förderung dieser letzteren sind seitdem nach allen 
Richtungen hin sehr grosse Fortschritte gemacht worden; die Paläontologie 
hat in dem grundlegenden Handbuche von Carl Zittel eine umfassende moderne 
Darstellung erfahren (4 Bände, München 1873—1891; Grundzüge der Paläonto- 
logie in einem Bande 1895); in der vergleichenden Anatomie der 
Wirbel thiere hat das classische, soeben erschienene Lehrbuch von Cabl 
GsaEMBAUR (1898) eine Fülle neuer bedeutender Gesichtspunkte eröffnet und 
klares Licht in daä Chaos ihrer verwickelten Probleme gebracht; die individuelle 
Entwicklungsgeschichte der Thiere, welche ich 1872 durch meine ^^Studien 
zur Gasträa-Theorie" zur Höhe einer vergleichenden Ontogenie zu er- 
heben versuchte, hat in den bekannten Lehrbüchern von Rölliker, Oscar 
Hbrtwio, Kollmamm, Francis Balfodr u. A. umfassende Darstellung erfahren. 
Aber kein Naturforscher hat in den vierundzwanzig Jahren, welche seit dem 
ersten Erscheinen meiner Anthropogenie verflossen sind, den Versuch gemacht, 
diese wichtige Aufgabe nach der hier zuerst versuchten Methode weiter zu 
fördern und durch combinirte Verwerthung aller drei Urkunden 
ihrer Lösung näher zu führen. Die sogenannten „Anthropologen von Fach", 
denen diese Aufgabe zunächst obläge, haben sich fast allgemein davon fem- 
gehalten; die vierte, umgearbeitete Auflage der Anthropogenie, die zahlreiche 
neue Gedanken enthält, ist von den Meisten ganz ignorirt worden. In dem 
„Zoologischen Jahresbericht", welchen mein früherer Schüler Professor Paul 
Mayer in Neapel redigirt, ist dieses Werk nicht einmal erwähnt, während 
über Hunderte von kleinen Aufsätzen, welche die darin behandelten Fragen 
von isolirten Gesichtspunkten aus einseitig beleuchten, gewissenhaft referirt 
wird. Gewiss sind unter den zahlreichen neuen Urtheilen und heuristischen 
Hypothesen meiner Anthropogenie viele irrthümlich (wie es bei einem 
ersten derartigen Versuche nicht anders sein kann); aber ebenso fest bin ich 
auch davon überzeugt, dass viele derselben richtig sind und dazu dienen 
können, den dunklen Weg durch dieses schwierige Gebiet aufzuhellen. — Das 
Tadeln ist auch hier viel leichter als das Bessermachen! 

9. (S. 13.) Phylogenie der Menschenseele (Anthropogenie und 
Psychologie). Im dritten Bande meiner „Systematischen Phylogenie" (1895, 
§ 449, S. 625) habe ich meine Auffassung von der Stammesgeschichte unserer 
menschlichen Seele mit folgenden Worten angedeutet: 

Die physiologischen Functionen des Organismus, welche wir* unter dem 
Begriffe der Seelenthätigkeit — oder kurz der „Seele" — zusammenfassen, 
werden beim Menschen durch dieselben mechanischen (physikalischen und 
chemischen) Processe vermittelt wie bei den übrigen Wirbelthieren. Auch 
die Organe dieser psychischen Functionen sind hier und dort dieselben: das 
Gehirn und Rückenmark als Centralorgane , die peripheren Nerven und die 
Sinnesorgane. Wie diese Seelenorgane sich beim Menschen langsam und 
stufenweise aus den niederen Zuständen ihrer Vertebraten-Ahnen entwickelt 
haben, so gilt dasselbe natürlich auch von ihren Functionen, von der Seele 
selbst. 

Diese naturgemässe, monistische Auffassung der Menschenseele steht im 
Widerspruche zu den dualistischen und mythologischen Vorstellungen, welche 
der Mensch seit Jahrtausenden sich von einem besonderen, übernatürlichen 
Wesen seiner „Seele" gebildet hat und welche in dem seltsamen Dogma von 



— 43 — 

der „Unsterblichkeit der Seele" gipfeln. Wie dieses Dogma den grössten 
Einfluss auf die ganze Weltanschauung des Menschen gewonnen hat, so wird 
es selbst heute noch von den meisten Menschen als unentbehrliche Grundlage 
ihres ethischen Wesens hochgehalten. Der Gegensatz, in welchem dasselbe zu 
der natürlichen Anthropogenie steht, wird zugleich noch in weitesten Kreisen 
als der gewichtigste Grund gegen deren Annahme betrachtet oder selbst als 
Widerlegung der Phylogenie überhaupt. Es wird daher nützlich sein, hier 
kurz die wissenschaftlichen Argumente zusammenzufassen, welche jenes Dogma 
vernichten, und welche zugleich einer vernünftigen, auf die Anthropogenie ge- 
gründeten Psychologie als Basis dienen müssen. 

I. Anatomische Argumente. Das Gehirn des Menschen besitzt 
sowohl in ßezug auf die äussere Form, als auf den inneren Bau die all- 
gemeinen Charaktere des Primaten-Gehirns. Innerhalb der Primaten-Legion 
zeigt die vergleichende Anatomie eine lange Reihe von Entwicklungsstufen 
des Gehirns. Die höchsten Stufen nehmen die Anthropomorphen (besonders 
der Schimpanse) und der Mensch ein; die Unterschiede derselben sind weit 
geringer als diejenigen in der Gehirnbildung der Menschenaffen und der 
niederen Affen. Der Mensch besitzt kein besonderes Organ im Gehirn, das 
nicht auch den Menschenaffen zukäme. Die Unterschiede Beider sind quan- 
titativ, nicht qualitativ. 

IL On togcnetische Argumente. Gehirn und Rückenmark des 
Menschen entwickeln sich im Embryo ganz ebenso wie bei den übrigen Pri- 
maten und speciell ebenso wie bei den Anthropomorphen. Die erste Anlage 
dieser Centralorgane |im Embryo erfolgt im Exoderm ganz ebenso wie bei 
allen übrigen Wirbelthieren ; und die Umbildung des MeduUarrohres, ins- 
besondere die charakteristische Differenzirung der fünf Himblasen, geschieht 
nach denselben Principien wie bei allen übrigen Schädelthieren. Die über- 
wiegende Ausbildung der grossen Hemisphären (im Vorderhirn) und der kleinen 
Hemisphären (im Hinterhim), welche für die Classe der Säugethiere charak- 
teristisch ist, wiederholt sich in gleicher Weise auch beim Menschen. Die 
besondere Differenzirung der einzelnen Gehirntheile, vor Allem der Windungen 
und Furchen in der grauen Rinde des Grosshirns, erfolgt nach denselben Ge- 
setzen wie bei den Menschenaffen. 

m. Physiologische Argumente. Die normale Seelenthätigkeit 
des Menschen ist an die normale Ausbildung seines Gehirns geknüpft; mensch- 
liches Seelenleben ohne Gehirn ist undenkbar. Die Localisation der einzelnen 
psychischen Functionen ist durch Beobachtung und Versuch empirisch be- 
wiesen. Die vergleichende Psychologie zeigt, dass die Functionsgruppen und 
ihre Beziehungen zu den einzelnen Gehimorganen sich beim Menschen ebenso 
verhalten wie bei den übrigen Säugethieren und speciell wie bei den Affen. 
Die experimentelle Psychologie lehrt, dass die einzelnen Hirnfunctionen des 
Menschen durch Reizung ihrer Organe ebenso ausgelöst, durch Zerstörung 
derselben ebenso vernichtet werden wie bei den übrigen Säugethieren. Die 
mystischen Traditionen von einer selbständigen, vom Gehirn unabhängigen 
Seelenthätigkeit, welche der Aberglaube früherer Jahrtausende bis auf die 
Gegenwart erhalten hat, spielen zwar in den Mysterien der modernen Kirchen- 
religionen und in der Phantasie kritikloser Spiritisten noch heute eine grosse 
Rolle; es gelingt jedoch der exacten und kritischen Physiologie leicht, in 
allen Fällen nachzuweisen, dass denselben bewusste oder unbewusste Täuschung 
zu Grunde liegt. Alle modernen Erzählungen von „Geistern" und „Offen- 
barungen" sind durch die wissenschaftliche Kritik ebenso in das Gebiet der 



- 44 ~ 

ErfinduDg verwiesen, wie in früheren Jahrhunderten die Sagen von Dämonen 
und von Gespenstern. 

IV. Pathologische Argumente. Die unbefangenen und sorgfältigen 
Beobachtungen der modernen Psychiatrie haben den Beweis geführt, dass die 
sogenannten „Geisteskrankheiten" auf materiellen Veränderungen von Gehim- 
theilen beruhen. Pathologische Zerstörung eines einzelnen Hirnorganes (z. B. 
durch Apoplexie, durch Gehirnerweichung) bewirkt nothwendig das Erlöschen 
der Function, welche an dasselbe gebunden ist. Die schrittweise Degeneration 
des Gehirns bei chronischen Gehimkrankheiten lässt ebenso schrittweise die 
Abnahme und endlich das Erlöschen ihrer Function verfolgen. 

Diese empirischen Argumente aus den Gebieten der vergleichenden 
Anatomie und Ontogenie, Physiologie und Pathologie, ergeben für jeden un- 
befangenen und kritischen Denker den bedeutungsvollen Schluss, dass die 
Phylogenie der Menschenseele untrennbar mit derjenigen ihrer Organe, vor 
Allem des Gehirns, verknüpft ist. Wie die lange Reihe unserer Vertebraten- 
Ahnen im Laufe von vielen Jahrmillionen ihre Gehimstructur allmählich und 
stufenweise bis zu der Höhe der Primatenbildung vervollkommnet hat, so hat 
sich auch gleichzeitig damit dessen Function Schritt für Schritt entwickelt. 
Allerdings erscheint uns das persönliche Bewusstsein und das klare Denken, 
das ästhetische Empfinden und das vernünftige Wollen beim Menschen zu 
einer erstaunlichen Höhe der Vollkommenheit emporgestiegen. Aber nichts- 
destoweniger sind die psychischen Differenzen von unseren Mammalien- Ahnen 
nur quantitativer, nicht qualitativer Natur; ihre elementaren Factoren sind 
hier wie dort die Ganglienzellen. Indem die Anthropogenie somit der 
Psychologie eine sichere monistische Grundlage giebt, zerstört sie das ganze 
grosse Mysteriengebäude, welches auf dem alten Dogma von der persönlichen 
„Unsterblichkeit" der Menschenseele errichtet war. An die Stelle der über- 
natürlichen Mythologie tritt auch hier die klare Naturerkenntniss. 

10. (S. 15.) Entdeckung der Denkorgane. Eine allgemein ver- 
ständliche Darstellung seiner bedeutungsvollen Entdeckung gab Paul Flechsig 
1894 in der ausgezeichneten Rede über „Gehirn und Seele", welche er 
beim Rectoratswechsel an der Universität Leipzig am 31. October 1894 hielt. 
Eine eingehendere Darstellung, durch sehr instructive Abbildungen erläutert, 
enthält der Vortrag, welchen derselbe 1896 auf der Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aerzte zu Frankfurt a. M. hielt: „Die Localisation 
der geistigen Vorgänge, insbesondere der Sinnesempfindungon 
des Menschen'^ (Leipzig 1896). Mit Recht sagt FLscasia am Eingang seines 
Vorworts: „Im Aufbau unseres Geistes, in den grossen beharrenden Zügen 
seiner Gliederung spiegelt sich klar und deutlich die Architektur unseres 
Gehirns wieder." Von dem wichtigsten Theile der Grosshimrinde, dem 
Principalhirn oder dem „grossen occipito- temporalen Associons- Centrum ^ 
sagt dieser tiefblickende Gehirnkenner (S. 62): „Auf Grund aller dieser 
klinischen Erfahrungen ergiebt sich als Functionskreis des hinteren grossen 
Associons-Centrums die Bildung und das Sammeln von Vorstellungen äusserer 
Objecte und von Wortklangbildern, die Verknüpfung derselben unter ein- 
ander, mithin das eigentliche positive Wissen, nicht minder die phantasti- 
sche Vorstellungsthätigkeit, die Vorbereitung der Rede nach Gedanken-Inhalt 
und sprachlicher Formung u. dgl. mehr — kurz, die wesentlichsten Bestand- 
theile dessen, was die Sprache speciell als Geist bezeichnet.^ — Da nun 
auch für die höchste Geistesthätigkeit, das Bewusstsein, die bewirkenden 
Elementar-Organe in den Ganglienzellen des Principalhirns entdeckt 



- 45 — 

sind, wird man endlich die irreführenden dualistischen Anschauungen auf- 
geben müssen, welche über die Entstehung dieses psychologischen 
Central-Mysteriums noch allgemein verbreitet sind. Wohl am meisten 
hat neuerdings zur Stärkung und Verbreitung dieser falschen mystischen An- 
schauungen die glänzende Rede beigetragen, welche der „berühmte Rhetor 
der Berliner Akademie der Wissenschaften^, Emil Du Bois-Ruymond, 1872 in 
Leipzig über „die Grenzen des Naturerkennens" gehalten hat. Ich habe den 
Grundfehler dieser prunkvollen Ignorabimus-Rede schon wiederholt be- 
leuchtet, so in meiner Schrift über „Freie Wissenschaft und freie Lehre" 
(1878, S. 78, 82) und im „Monismus" (7. Aufl., S. 39, 44). Durch die Ent- 
deckung der realen Denkorgane wird ihr der Todesstoss versetzt. — Uebcr 
das Verhältniss des Gehirns zum Bewusstsein vgl. auch August Forbl, 
Gehirn und* Seele (Bonn 1894); B. Carneri, Empfindung und Be- 
wusstsein (Bonn 1893); Leopold Besser, „Was ist Empfindung?" (Bonn 1881); 
Albrecht Raü, Empfinden und Denken (München 1897). 

11. (S. 15.) Unsterblichkeit der Wirbelthiere. Der hohe Werth, 
welcher noch heute in weitesten gebildeten Kreisen dem unvernünftigen 
Mythus von der „persönlichen Unsterblichkeit des Menschen" 
beigelegt wird, erklärt sich daraus, dass die meisten sogenannten „Gebildeten" 
theils mit den sie widerlegenden Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft 
unbekannt sind, theils überhaupt nicht unbefangen über diesen und über 
andere Glaubenssätze nachdenken, welche ihnen in früher Jugend eingeprägt 
werden. Wenn die Person des Menschen wirklich „unsterblich" wäre, so 
müsstc es auch diejenige der nächstverwandten Wirbelthiere sein, und 
vor Allen der Säuge thi er e; auch müsste dann die stufenweise Entwickelung 
der Grosshirnrinde, welche die vergleichende Anatomie in dieser höchst- 
entwickelten Thierclasse aufweist, die verschiedenen Entwickelungs- 
Stufen der Unsterblichkeit andeuten. Vgl. hierüber D. F. Stkauss, 
Der alte und der neue Glaube (14. Aufl., Bonn); Ludwig Büchner, Das künf- 
tige Leben und die moderne Wissenschaft (Leipzig 1889). 

12, (S. 15.) Das universale Substanz -Gesetz. Das chemische 
Grundgesetz von der „Erhaltung des Stoffes" (Lavoisier) und das physi- 
kalische Grundgesetz von der „Erhaltung der Kraft" (Robert Mayer, 
Hblmholtz) habe ich (1892) unter dem Begriffe des „Substanz-Gesetzes" 
zusammengefasst. (Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissen- 
schaft, Glaubensbekenntniss eines Naturforschers. Bonn 1892, 7. Aufl. 1898, 
S. 14, 39.) Man könnte dieses oberste Grundgesetz der modernen Natur- 
wissenschaft auch als das „Constanz-Gesetz" bezeichnen, als die Lehre 
von der ewigen „Constanz der Energie und Materie" (Constanz der Substanz), 
Durch die Entdeckung der Denkorgane (Anm. 10) und deren Verknüpfung 
mit der Anthropogenie (Anm. 8) ist die universale Geltung des Substanz- 
Gesetzes auch für jenes letzte Erscheinungsgebiet erwiesen, für welches sie 
Do Bois-Reymond u. A. bestritten hatten, für jene Function des Principal- 
hirns, welche wir als das menschliche „Bewusstsein" bezeichnen. Damit 
sind aber zugleich die <Jrei gefürchteten „Central-Dogmen" vernichtet, die 
Citadelle der Unwissenheit und des Aberglaubens. Vergl. die treffliche neue 
Schrift von Ludwig Büchner: Am Sterbelager des Jahrhunderts. Blicke eines 
freien Denkers aus der Zeit in die Zeit. Giessen 1898. 

18. (S. 16.) Die drei Central-Dogmen der Metaphysik. Wenn 
die dualistische und teleologische Philosophie der Gegenwart mit Emphase 



— 46 — 

den „Rückgang auf Kant*' predigt und dabei behauptet, dass die 
^kritische Philosophie" des grossen Königsberger Weltweisen die Grund- 
ehren von „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit" vor allen Angriffen 
der Naturwissenschaft sicher gestellt habe, so befindet sie sich in einem ge- 
waltigen Irrthum. Unsere Schulphilosophen übersehen dabei den Uebelstand, 
dass der gealterte Kant beim weiteren Ausbau seiner „kritischen" Philosophie 
immer dogmatischer und mystischer wurde, ja, dass schon die apriori- 
schen Grundlagen seines Kriticismus in Wahrheit dogmatisch waren; überall 
macht sich darin ein Dualismus geltend, indem „realistische und idea- 
listische Elemente unvermittelt neben einander gestellt und keineswegs, auch 
nicht in der Kritik" der Urtheilskraft, zu widerspruchsloser Harmonie mit ein- 
ander verbunden sind" (Urbbrwbo, Geschichte der Philosophie). 

Der Hauptmangel in Kant's Vorbildung war die Unkenntniss des 
menschlichen Organismus, seiner Anatomie und Physiologie. Freilich standen 
diese empirischen Grundlagen der Anthropologie damals noch auf einer sehr 
tiefen Stufe; hätte Kant über die ungeahnten Erkenntnisse verfügt, welche 
uns erst die Biologie des letzten halben Jahrhunderts erschlossen hat; hätte 
er eine klare Vorstellung von dem wunderbaren Gehirnbau, von der Zellen- 
theorie, vom Transformismus und dem biogenetischen Grundgesetze gehabt, 
so würde sein System der kritischen Philosophie ganz anders ausgefallen sein ; 
seine Biologie würde dann ebenso unserem heutigen Monismus entsprochen 
haben wie sein geniales kosmologisches Jugendwerk, die noch heute voll- 
gültige „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, 
oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprünge des 
ganzen Weltgebäudes, nach Newton*schen Grundsätzen abgehandelt" (1755). 
Allerdings hat ja auch späterhin der grosse Königsberger Denker noch öfter 
daran gedacht, dasselbe monistische „Princip des Mechanismus der 
Natur — ohne das es überhaupt keine Naturwissenschaft geben kann" ! — 
auch für die Verfassung und Entstehung der organischen Natur geltend zu 
machen; ja er hat sogar gelegentlich über die einheitliche Entwicklung der- 
selben Anschauungen geäussert, welche geradezu mit den Grundprincipien 
unserer heutigen Descendenz- und Selections-Theorie harmoniren. (VergL 
Fritz Schultzb, Kant und Darwin. Ein Beitrag zur Geschichte der Ent- 
wicklungslehre. Jena 1875.) Allein näher darauf einzugehen, hinderte Kant 
seine Unbekanntschaft mit der Zoologie; und deren wichtigste Stützen, ver- 
gleichende Anatomie Ontogenie und Paläontologie, kamen erst in unserem 
Jahrhundert zur Geltung und Ausbildung. 

14. (S. 17.) Pithecanthropus, der Affenmensch. Die Gattung 
PithecanthropuSj als hypothetisches Verbindungsglied zwischen den Menschen- 
affen (Anthropoiden) und den echten (sprechenden) Menschen hatte ich 1866 
im zweiten Bande meiner „Generellen Morphologie" aufgestellt, in der 
„Systematischen Einleitung in die allgemeine Entwicklungsgeschichte" (S. 160); 
der Stammbaum des Menschen, S. 151; Ahnenreihe des Menschen, S. 428; die 
Anthropologie als Theil der Zoologie S. 432. In der ersten Auflage meiner 
„Natürlichen Schöpfungsgeschichte" (1868) führte ich diese hypothetische 
Uebergangsform als einundzwanzigste Stufe unserer thierischen Ahnenreihe 
mit folgender Charakteristik auf (S. 507): Affenmenschen (Pithecanthropt) 
oder sprachlose Urmenschen {Älali). UnmittelbareZwischenform 
zwischen der 20. und 22. Stufe, zwischen den Menschenaffen und den echten 
Menschen. Entstanden aus den Menschenaffen oder Anthropoiden durch 
die vollständige Angewöhnung an den aufrechten Gang und die dem ent- 



— 47 — 

sprechende stärkere Differenzirung der vorderen Extremität zur Greifhand, 
der hinteren zum Gangfuss. Obwohl sie durch die äussere Körperbildung 
den echten Menschen wohl noch näher als den Menschenaffen standen, fehlte 
ihnen doch noch das eigentlich charakteristische Merkmal des echten Menschen, 
die articulirte menschliche Wortsprache und die damit verbundene bewusste 
Begriffsbildung, beruhend auf gesteigerter Abstraction der Anschauungen. 
Solche Affenmenschen lebten wahrscheinlich gegen Ende der Tertiärzeit und 
im Beginn der Quartärzeit." 

Als ich diese Hypothese vor 32 Jahren zuerst formulirte, und auch 
noch sechs Jahre später, als ich sie in der Anthropogenie (1874) näher 
zu begründen suchte, begegnete sie nicht nur allgemeinem Misstrauen, sondern 
auch von Seiten der sogenannten „exacten Anthropologen" dem entschieden- 
sten Widerspruche und nicht selten dem schärfsten Spotte. (Was von 
dieser sogenannten „exacten** Anthropologie zu halten ist, habe ich in der 
neunten Auflage der Natürlichen Schöpfungsgeschichte [1898, S. 783, 800] an 
dem Beispiel von Johannes Bänke gezeigt.) In den drei Decennien, welche 
seitdem verflossen sind, hat sich die Sachlage in diesem grossen „Kampf 
um die Wahrheit" gewaltig geändert. Die Descendenz-Theorie, damals 
als „leere Hypothese" verworfen, gilt jetzt in der gesammten wissenschaft- 
lichen Biologie als das werthvoUste Hülfsmittel der causalen Erkenntniss. 
Ihre Anwendung auf den Menschen, die verspottete „Pithecoiden-Theorie", 
kann von der wirklich denkenden Anthropologie nicht mehr zurückgewiesen 
werden. Denn die Entdeckung des fossilen Pithecanthropus erectus durch 
Eugen Dübois (1894) hat uns die versteinerten Knochen jenes „Affen- 
menschen", den ich hypothetisch construirt hatte, greifbar in die 
Hand gegeben. 

Dass eine unbefangene und objective Kritik dem Pithecanthropus erectus 
wirklich diese bedeutungsvolle Zwischenstellung anweisen muss, hat u. A. 
sehr einleuchtend der Paläontologe W. Dames gezeigt in seinem interessanten 
Artikel: „Pithecanthropus, ein Bindeglied zwischen Affe und 
Mensch" (Deutsche Rundschau, Berlin 1896, Bd. 88, S. 368—384). Der- 
selbe hat dort auch die verschiedenen Ansichten, die darüber auf dem 
Zoologen-Congresse in Leyden 1895 geäussert wurden, statistisch zusammen- 
gestellt; er bemerkt dazu sehr richtig; „Bringt grosse Meinungsverschieden- 
heit sonst wohl Unsicherheit und Schwanken mit sich, so kann sie hier 
geradezu als starke Stütze der Uebergangsnatur von Pithecanthropus 
verwerthet werden." 

Die Gegner der Abstammungslehre und ihrer Anwendung auf den 
Menschen sind nunmehr eines ihrer beliebtesten Einwände beraubt; sie 
werden aufhören müssen, von dem berufenen „Missing link" zu sprechen; 
denn dieses „fehlende Bindeglied zwischen Affe und Mensch" liegt in den 
versteinerten Resten des Pithecanthropus erectus handgreiflich vor ihren Augen, 
und insofern könnte man sagen, dass diese Entdeckung von Dubois für die 
Anthropologie eine grössere Bedeutung besitzt als die gepriesene Ent- 
deckung der „Röntgen-Strahlen" für die Physik. 

üebrigens habe ich schon vor 30 Jahren (1. c.) darauf hingewiesen, dass 
die vermissten und gesuchten „Bindeglieder" auch heute noch unter uns 
leben. Denn die wahre Uebergangsstellung der noch lebenden Menschen- 
affen (Gibbon und Orang in Asien, Schimpanse und Gorilla in Afrika) kann 
man auch so beurtheilen, wie es später namentlich in der Aufstellung der 
Primarier-Gruppe durch Robebt Habtmann geschah: Diese „modernen 
Menschenaffen oder Anthropoiden" sind die „Missings links, welche den lieber- 



— 48 — 

gang von den echten Affen (Simiae) zu den echten Menschen (Sbwmea) 
noch heute anschaulich vor Augen führen." 

!&• (S. 19.) Pithftcoide Menschen-Arten (Pygmäen). Unter den 
jetzt noch lebenden Menschen-Species stehen nach unseren jetzigen anthropo- 
logischen Kenntnissen zwei Pygmäen -Arten der gemeinsamen längst aus- 
gestorbenen Stammfoi-m des Menschengeschlechts, und somit auch deren nächster 
Ahnenform, dem Pithecanthropus, am nächsten. Es sind dies die Weddas 
auf Ceylon und die Akkas in Central- Afrika; die Ersteren sind von den 
beiden Vettern Sarasin vortrefflich beschrieben, die Letzteren von Schwein- 
FüRTH. In dem verbesserten „Stammbaum der zwölf Menschen-Arten", 
welchen ich in der letzten Auflage der natürlichen Schöpfungsgeschichte 
(1898, S. 743) entwarf, habe ich die Weddas an die Wurzel des schlicht- ^ 
haarigen Menschenstammes gestellt, die Akkas an die Wurzel des woll- 
haarigen Stammes f beide Hauptstämme des Menschengeschlechts hängen 
wahrscheinlich nur unten an der gemeinsamen (pliocänen?) Wurzel zusammen. 
Vergl. darüber meinen Aufsatz über „Die Urbewohner von Ceylon" 
in der Deutschen Rundschau (1893, Bd. 77, S. 367—385); Indische Reise- 
briefe, 3. Aufl. 1893, S. 353. Ich habe darin die vielseitig interessante Dar 
Stellung der Weddas besprochen, welche die Doctoren Paul und Fritz Sarasin 
in dem 3. und 4. Bande ihres grossen Prachtwerkes „Ergebnisse natur. 
wissenschaftlicher Forschungen auf Ceylon" gegeben haben: „Die Weddas 
von Ceylon und die sie umgebenden Völkerschaften, ein Versuch, die in der 
Phylogenie des Menschen ruhenden Räthsel der Lösung näher zu bringen" 
(mit einem Atlas von 84 Tafeln, 1893). — lieber die „Stellung der Pygmäen 
in dem anthropologischen System", vergl. Julius Kollmann, Der Mensch 
(Basel 1895), S. 145. 

Die Wedda's in Ceylon und die Akkas in Central- Afrika können eben 
so gut als besondere „gute Arten" oder „Bonae Species^ des Genua Homo 
unterschieden werden wie die Mittelländer, die Mongolen, Papuas u. s. w. 
Die Unterschiede der Körperbildung in diesen verschiedenen Arten des 
Menschengeschlechts sind viel bedeutender als diejenigen, welche allgemein 
von den Zoologen zur Unterscheidung mehrerer Arten einer Thiergattung 
benutzt werden. Aber trotzdem halten noch heute die meisten Anthropologen 
an dem alten Dogma von der sogenannten „Art-Einheit des Menschen - 
Geschlechts" fest, und fortdauernd wird noch eine Masse Papier über 
diese ganz gleichgültige Frage unnütz verschrieben. Der weitschauende 
Lamarck hatte schon 1809 am Eingange seiner Philosophie zoologique betont, 
dass der Begriff der Art oder Species ebenso unbestimmt und schwankend 
sei, ebenso eine künstliche Abstraction des Systematikers wie die über- 
geordneten Begriffe der Gattung, Ordnung, Classe u. s. w. Nachdem Darwin 
1859 dem Transformismus ein festes Fundament gegeben und gezeigt hatte, 
wie verschiedene Species aus Varietäten einer einzigen Art hervorgehen, war 
das alte Dogma von der „Constanz der Species" definitiv vernichtet. Den 
ausführlichen Beweis dafür gab ich in meiner „Begriffsbestimmung der 
Kategorien des Systems", im 24. Capitel der „Generellen Morphologie" (1866, 
Bd. 2, S. 374—401: Principien der Classification). 

Gerade die Vergleichung der verschiedenen Menschen-Arten einerseits 
und der verschiedenen Affen -Arten einer Gattung andererseits, ferner die 
Vergleichung der Primaten-Species im Allgemeinen liefern für diese Ansicht 
neue Beweise. Auch Damus (1. c. p. 384) bemerkt bei dieser Gelegenheit: 
„Die so verschiedenen Merkmale der sogenannten * Rassen' würden, wenn 



— 49 — 

es sich nicht gerade um Menschen handelte, von jedem Zoologen zur Zer- 
spaltung in mehrere Gattungen und zahlreiche Arten benutzt werden." In 
gleichem Sinne hatte schon vor langer Zeit der alte Paläontologe Qüenstedt 
gesagt: „Wenn Neger und Raukasier Schnecken wären, so würden die 
Zoologen mit allgemeiner Uebereinstimmung sie für zwei ganz vortreffliche 
Species ausgeben, die nimmermehr durch allmähliche Abweichung von einem 
Paare entstanden sein könnten." üebrigens hat bis zum heutigen Tage kein 
einziger Vertheidiger der Species-Constanz eine befriedigende Definition von 
dem absoluten Wesen der Species geben können — aus dem einfachen 
Grunde, weil dies unmöglich ist. (Vergl. meine Natürl. Schöpf ungsgesch., 
9. Aufl. 1898, S. 266, 738, 772 etc.) 

16. (S. 19) Pithecoide Menschen-Schädel. Unter den zahlreichen 
genau beschriebenen Menschen-Schädeln, welche sich der Bildung des Affen- 
Schädels stark annähern, ist der von Nehring beschriebene Brasilianer 
Schädel besonders interessant. (Vergl. die Berliner Naturwissensch. Wochen- 
schrift vom 17. November 1895, Bd. 10, Nr. 46, S. 549.) Dieser „pithecan- 
thropus-ähnliche Menschen schädel aus den Sambaquis von Santos in Brasilien" 
zeigt die auffallende Einschnürung am Schläfentheil des Stirnbeins — welche 
nach ViRCHow ein sicheres Zeichen seiner Affen-Natur sein sollte! — 
sogar stärker als der fossile Pithecanthropus von Java; sie beträgt bei 
letzterem 90 — 91, bei ersterem 92, beim Gorilla 68, beim Schimpanse 67 cm. 
Diese Thatsache ist um so merkwürdiger, als in Brasilien — wie in ganz 
Amerika — niemals Menschenaffen gelebt haben; die amerikanischen 
Ureinwohner sind alle ursprünglich aus der alten Welt eingewandert und 
Nachkommen von asiatischen Affenmenschen (vgl. Natürl. Schöpfungsgesch. 
9. Aufl. 1898, S. 748, Tafel 30). Den kritischen Bemerkungen, welche Nehring, 
ein sehr kenntnissreicher Paläontologe und genauer Kenner des Säugethier- 
Skelettes,- bei dieser Gelegenheit über Dubois' bedeutungsvolle Entdeckung 
macht, schliesse ich mich durchaus an. Ich hatte in ähnlichem Sinne mich 
1895 schon geäussert, bevor noch die Debatte im Zoologen-Congress zu Leyden 
stattfand (Systematische Phylogenie, Bd. III, S. 633). 

17. (S. 20.) Opposition gegen die Primaten-Descendenz des 
Menschen: Virchow. In der feierlichen Eröffnungsrede, welche Virchow 
vor vier Jahren auf dem Anthropologen-Congress in Wien hielt, behauptete 
derselbe, „dass der Mensch ebensogut vom Schafe oder vom 
Elephanten als vom Affen abstammen könne". Wenn dieser 
absurde Satz ernstlich gemeint ist, so beweist er nur aufs Neue die längst 
bekannte Thatsache, dass Virchow — obwohl Schüler von Johannes Müller! — 
nicht mehr das geringste Verständniss für vergleichende Anatomie und 
systematische Zoologie besitzt, ebensowenig wie für die wichtigsten That- 
sachen der Paläontologie und der vergleichenden Ontogenie. Wenn aber 
jener berüchtigte Satz dazu dienen soll, die verhasste „Affen-Theorie" lächer- 
lich zu machen und durch einen jämmerlichen Witz zu beseitigen, dann 
können wir nur bedauern, dass ein verdienter Naturforscher von so hohem 
Rufe kein besseres Mittel weiss, um das schwere Gewicht seiner Autorität 
in der wichtigsten und ernstesten aller Untersuchungen, in der „Frage aller 
Fragen" geltend zu machen. 

Zu meinem auftichtigen Bedauern bin ichgenöthigt, auch bei dieser Gelegen- 
heit wieder auf die völlige Grundlosigkeit von Virchow*s Behauptungen hin- 
zuweisen, und auf den gänzlichen Mangel an empirischen Beweisen für seine 
unhaltbare Opposition gegen unsere Entwicklungslehre. Denn die wohl- 
Haeckel, Ursprung des Menschen. 4 




— 50 — 

verdiente Autorität, welche der berühmte Pathologe durch seine Begründung 
der Cellular-Pathologie vor vierzig Jahren erworben hat — zum Theil auch 
durch seine unermüdliche Thätigkeit in politischen und socialen Kämpfen — 
verleiht ihm noch heute in weitesten Kreisen das Ansehen eines wissen- 
schaftlichen Papstes, der zur unfehlbaren Entscheidung jeder biologischen 
Frage, also auch zur Vernichtung der „Affen- Theorie" berechtigt ist. Vor 
Allen sind es auch heute noch die orthodoxen Priester aller £archenreligionen 
und die klerikalen Organe der verschiedensten Eichtungen — die geschworenen 
Vertheidiger des Aberglaubens und die Todfeinde der Gedankenfreiheit — , 
welche sich beständig auf Vibchow's Autorität zu ihren Gunsten berufen. So 
geschah es schon vor einundzwanzig Jahren, als ich auf der Deutschen 
Naturforscher -Versammlung in München (1877j „die heutige Entwicklungs- 
lehre im Verhältniss zur Gesammtwissenschaft" beleuchtet hatte. Damals 
trat ViBCHow unmittelbar nachher derselben aufs Schärfste entgegen und be- 
hauptete zur einstimmigen Befriedigung des Klerus und der ßeaction, dass 
der Transformismus eine unbewiesene Hypothese, die Abstammung des 
Menschen vom Affen unmöglich und die Seelenthätigkeit nicht lediglich 
Function des Gehirns sei. Seitdem ist wohl kein Jahr vergangen, ohne dass 
der beredte Pathologe seinem Antagonismus gegen die moderne Entwickelungs- 
lehre Ausdruck gegeben und den natürlichen Ursprung des Menschen aus 
einer Reihe von Wirbelthier- Ahnen auf das Entschiedenste bekämpft hätte. 

Das klare Urtheil über diese höchst bedauerlichen Thatsachen 
kann um so leichter getrübt werden, als die Ueberzeugungen des jugend- 
lichen ViRCHOw vor einem halben Jahrhundert gänzlich verschieden und den 
späteren Anschauungen geradezu entgegengesetzt waren. Die originelle 
Hauptarbeit des berühmten Pathologen, durch welche er die „cellulare** 
Reform der wissenschaftlichen Medicin herbeiführte, fallt in die Zeit seines 
Aufenthaltes in Würzburg (1849 — 1856). Hier schuf er, in dem befruchtenden 
Verkehr mit den führenden Histologen Kölliker und Leydig, die Grundlagen 
seiner Cellular-Pathologie; hier beleuchtete er aber auch in einer Reihe von 
geistreichen Abhandlungen jene „Einheit des menschlichen Organis- 
mus", welche zu den wichtigsten Thesen unseres modernen Monismus gehört. 
Nachdem Virchow 1856 nach Berlin übergesiedelt war, trat allmählich eine 
zunehmende Entfremdung von jenen monistischen Ueberzeugungen ein und 
zuletzt ein völliger üebergang in das Lager des mystischen Dualismus. Vergl. 
hierüber meine Schrift über: „Freie Wissenschaft und freie Lehre, 
eine Entgegnung auf Rudolf Virchow*s Rede über die Freiheit der Wissenschaft 
im modernen Staate." (Stuttgart 1878). 

Nachdem die englische Uebersetzung dieser Vertheidigungsschrift er- 
schienen war, schrieb mir Cuarlbs Darwin (am 29. April 1879) eigenhändig 
folgenden Brief: 

„My dear Haeckell 
I have just finislied reading the English Translation ( — for from want 
of time 1 had defered reading the French Translation — ) of Your „Freedom 
in Science" etc, , and you must let me have the pleasure of saying how much 
I admire the whole of it. It is a most interesting essay, and I agree with 
all of it, iVirchow^s conduct is shameful, and I hope he will 
someday feel the shame, What an amusing Preface that of Huxley is! 

With all good wishes 

Yours very sincerly 

Charlbs Darwin. 
(Doivn, Beckenharrij Kent. April 29. 1879.) 



— 51 — 

18. (S. 24.) Phyletische Einheit der Säugethier-Classe. Die 
übereinstimmenden Zeugnisse der drei grossen phylogenetischen Urkunden 
bezeugen so unzweideutig die gemeinsame Abstammung aller Säuge- 
thiere von einer einzigen Stammform, dass wir diese bedeutungsvolle 
Erkenntniss jetzt als eine historische Thatsache behaupten müssen. 
Die philosophische Tragweite derselben ist unermesslich ; denn dadurch allein 
schon wird jene falsche anthropistische Weltanschauung widerlegt, 
welche durch unseren mythologischen Glaubens-Unterricht uns schon in frühester 
Jugend eingeprägt wird (vgl. meine Systematische Phylogenie, Bd. III, 1895, 
S. 646 : Änthropogenie und Änthroplsmus). Für die allgemeine Bedeutung dieser 
historischen Thatsache ist es ganz gleichgültig, in welcher Beihenfolge man 
die Säugethier- Ahnen des Menschen auffuhrt, und wie man sie von niederen 
Wirbelthieren (Reptilien oder Amphibien) ableitet; und ebenso ist es dafür 
gleichgültig, wie man den ganzen Stamm der Wirbelthiere hypothetisch aus 
wirbellosen Ahnen entstanden denkt. 

19. (S. 28.) Eizelle des Menschen. Die phylogenetische Bedeutung 
der Eizelle und ihrer Entwicklung beim Menschen kann nicht genug betont 
werden. Denn alle die merkwürdigen Vorgänge, durch welche aus diesem 
einfachen kugeligen Plasmakörper der Keim und aus diesem wiederum der 
Wirbelthier-Körper entsteht, sind beim Menschen im Wesentlichen genau 
dieselben wie bei allen übrigen Säugethieren, und im Einzelnen 
dieselben wie bei den nächstverwandten Menschenaffen. Vgl. darüber 
Emil Selenka, Studien über Entwicklungsgeschichte der Thiere. 5. Heft, mit 
12 Tafeln. Wiesbaden 1892. (Affen Ostindiens.) Wie bei allen anderen 
Wirbelthieren, so lässt sich auch beim Menschen der Beginn der indivi- 
duellen Existenz haarscharf bestimmen; er erfolgt im Momente der 
Befruchtung. Wenn nach erfolgter Begattung die beiderlei Geschlechts- 
zellen — die kugelige weibliche Eizelle der Mutter und die fadenförmige 
männliche Spermazelle des Vaters — zusammentreffen, verschmelzen sie zur 
Bildung einer neuen Zelle, der Stammzelle (Cytuld). Das Moment, in 
welchem ihre beiderlei Kerne sich zur Bildung eines neuen Zellkernes ver- 
einigen, ist der wirkliche Beginn der persönlichen Existenz. Durch diese 
Thatsache allein schon wird das Dogma der persönlichen Unsterblich- 
keit widerlegt. Vgl. meine Änthropogenie, 4. Aufl., 1891, S. 129, 149. 

20. (S. 30.) Länge der phylogenetischen Zeiträume. Von 
grösster Wichtigkeit für das naturgemässe Verständniss der ganzen Stammes- 
geschichte — und ganz besonders derjenigen des Menschen! — ist eine klare 
Vorstellung von der ungeheuren Länge der Zeiträume, innerhalb deren 
die stufenweise Entwicklung des organischen Lebens auf unserem Planeten 
stattgefunden hat. Aus den Gründen, welche ich im 16. Vortrage meiner 
„Natürlichen Schöpfungsgeschichte" (9. Aufl., 1898, S. 387) angeführt habe, ist 
es unmöglich, die Zahl ihrer Jahrtausende auch nur mit annähernder Sicher- 
heit in Zahlen abzuschätzen. Die meisten Geologen sind jetzt wohl der 
Ansicht, dass seit Beginn des organischen Lebens mindestens hundert 
Millionen Jahre verflossen sind. Wie sehr aber die Schätzungen differiren, 
zeigt die Thatsache, dass man nach einer genauen geologischen Berechnung 
aus neuester Zeit (1897, von Goodchild) jene Zeitlänge auf mindestens vierzehn- 
hundert Millionen Jahre schätzt — davon aliein 93 Millionen auf die 
relativ kurze Tertiärzeit! — Dagegen machte Reverend Stebbimo auf dem 
Congresse in Cambridge — im Anschluss an meinen Vortrag vom 26. August — 

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geltend, dass nach einer physikalisch-astronomischen Berechnung von Sir 
William Thomson die Länge jenes Zeitraumes nicht mehr als 25 Millionen Jahre 
betragen habe. Ich musste darauf entgegnen, dass ich erstens die empirischen 
Grundlagen aller jener Berechnungen für unvollständig, zweitens auch die 
Methode ihrer Wahrscheinlichkeits-Rechnung für unsicher halten muss, und 
dass ich drittens ganz ausser Stande bin, mir jene ungeheueren Zeitmaasse 
auch nur annähernd anschaulich vorzustellen. Ob ich die Zeitdauer des 
organischen Erdenlebens auf 25 oder 100 oder 1400 Millionen Jahre schätze, ist 
für die Anschauung meiner Phantasie vollkommen gleichgültig, und so wird 
es auch wohl bei den meisten anderen Menschen der Fall sein. Auf alle 
Fälle besass dieser Zeitraum — also mindenstens 25000 Jahrtausende! 
— eine ganz ungeheuere Länge, vollkommen ausreichend, um auch bei sehr 
langsamem Schritte der organischen Transformation den Formenwechsel der 
Thier- und Pflanzen- Arten auf unserem Erdball begreiflich zu machen! Und 
darauf allein kommt es bei dieser Frage an. 

Wenn wir also auch ganz ausser Stande sind, die absolute Länge der 
phylogenetischen Zeiträume annähernd sicher zu bestimmen, so besitzen wir 
dagegen andererseits sehr wohl die Mittel, die relative Länge der 
einzelnen Perioden derselben annähernd abzuschätzen. Die empirischen 
Grundlagen dazu liefert uns die verschiedene Dicke der über einander liegen- 
den Gebirgsmassen, welche während derselben aus dem Wasser abgelagert 
wurden. (Vgl. hierzu Credner, Elemente der Geologie, 8. Aufl. 1897; Neumayr, 
Erdgeschichte, 2. Aufl. 1895, S. 387.) Auf Grund dieser Vergleichungen und 
anderer modemer Schätzungen würden Hundert Millionen Jahre — als 
Minimalzahl angenommen! — auf die Hauptperioden der organischen Erd- 
geschichte sich etwa folgendermassen vertheilen: 

I. Archozoische oder Primordial-Zeit (vom Be- 
ginn des organischen Lebens bis zum Ende der cam- 
brischen Schichtenbildung) 52 Millionen 

IL Paläozoische oder Primär-Zeit (vom Beginn 
der silurischen bis zum Ende der permischen Schichten- 
bildung) ' 34 

IIL Mesozoische oder Secundär-Zeit (vom Beginn 
der Triasperiode bis zum Ende der Kreideperiode) . 11 

IV. Cänozoische oder Tertiär-Zeit (vom Beginn 

der eocänen bis zum Ende der pliocänen Periode) . . 3 

V. Anthropozoische oder Quartär-Zeit (vom Be- 
ginn der menschlichen Sprachbildung bis zur Gegen- 
wart) 0,1 

Mit Bezug auf diesen letzten, für unsere Betrachtung wichtigsten Ab- 
schnitt ist jedoch zu bemerken, dass dessen Zeitdauer, entsprechend der ver- 
schiedenen Schlussfolgerung aus den modernen prähistorischen Forschungen, 
sehr verschieden geschätzt wird. Während einige neuere Anthropologen für 
die Existenz des Menschengeschlechts auf der Erde ungefähr eine Million 
Jahre annehmen, schätzen die meisten deren Dauer auf eine halbe Million 
oder noch weniger; doch wird jetzt fast allgemein angenommen, dass seitdem 
mindestens hunderttausend Jahre verflossen sind. Jedenfalls ist dieser 
Zeitraum viel länger, als man noch um die Mitte unseres Jahrhunderts all- 
gemein annahm, und als durch unseren mangelhaften historischen Unterricht 
den Schulkindern leider irrthümlich eingeprägt wird. 



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